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Eisenbahnen in Sachsen


Neschwitz (Sachs) — Wetro
Streckengeschichte

Bis in die 1940er Jahre spielte die Braunkohlegewinnung bei Neschwitz nur eine untergeordnete Rolle und erfolgte ausschließlich zur Selbstversorgung. Die 1898 bei Wetro errichtete Ziegelei bezog ihre Kohle aus der Grube Werminghoff bei Hoyerswerda. Das Werk war bis 1951 über eine 2,4 km lange Seilbahn mit der Verladestelle am Bahnhof Neschwitz verbunden.
In den harten Wintern nach Ende des Zweiten Weltkriegs hatte die Bevölkerung auch unter einem Brennstoffmangel zu leiden. Mit dem SMAD-Befehl Nr. 132 vom 29.05.1947 wurden die Kommunen aufgefordert, selbst Kleinstvorkommen an Kohle zu erschließen. Der Landkreis Dresden erkundete daraufhin u.a. Lagerstätten bei Puschwitz. Ende Juli 1947 gab das Land Sachsen den Abbau des rund zehn Meter mächtigen Flözes in den Fluren Puschwitz und Guhra frei. Material und Arbeitskräfte rollten per Lkw in die Lausitz und transportierten auf der Rückfahrt täglich 30 t Rohkohle nach Dresden.
Die zunächst in einem aufgelassenen Tagebau per Hand gewonnene Rohbraunkohle konnte den Bedarf von ca. 180 000 t im Jahr bei weitem nicht decken, so dass der maschinelle Abbau und Transport erforderlich wurden.

Am 28.08.1947 wurde die Enteignungsverordnung für den Bau eines Anschlussgleises durch die Deutsche Reichsbahn erlassen. Der Kostenanschlag belief sich auf 520 000 RM. Vermutlich begann umgehend die Bauausführung. Ende November waren 80% der Strecke fertiggestellt. Da es an Arbeitskräften mangelte, wurden die Jugendlichen in der lokalen Presse zu Arbeitseinsätzen aufgerufen. Nach nur drei Monaten Bauzeit erreichte das Gleis am 20.12.1947 den km 3,6 im Abbaugebiet bei Guhra.
Die Werkbahn zweigte an der Weiche 8 (später W 13) in Neschwitz von der Nebenbahn Bautzen - Hoyerswerda ab. Bis Wetro folgte die Strecke weitgehend der Straße in der Niederung des Puschwitzer Wassers; Kunstbauten waren nicht erforderlich. Nach der Straßenkreuzung stieg das Gleis mit 1:35 um nahe der Ortslage Wetro den viergleisigen Übergabebahnhof Puschwitz zu erreichen, wo die Reichsbahnzüge endeten. Der Anschlussbahnvertrag trat zu Jahresbeginn 1948 in Kraft. Die Neubaustrecke wurde anfangs auch für den Arbeiterverkehr genutzt. Am 03.06.1948 notierte die Rbd Dresden: »Zur Verbesserung der Hausbrandversorgung der Bevölkerung baut die Reichsbahn im Anschluß an die Eisenbahnstrecke Bautzen - Hoyerswerda vom Bahnhof Neschwitz nach einer Kohlenabbaustelle in Guhra zur Abförderung der gewonnenen Kohlen in den Fluren Neschwitz, Wetro und Puschwitz eine Kohlenbahn. [...]«

Das Gleis wurde unter Regie des VEB Braunkohlenwerk Puschwitz als Grubenbahn, steil ansteigend in Richtung Guhra weiter vorgestreckt und die Wagen dort entlang der Abbaufront per Förderband und Bagger beladen. Zudem existierte eine schmalspurige Abraumbahn mit Dampflokbetrieb, die auf einer Holzbrücke das Grubengleis querte. Bis Ende Juli 1948 wurden 53 900 t Rohbraunkohle gefördert.
Noch 1956 entstand eine neue Presskohlenanlage. Um 1960 stellte das BKW Puschwitz aufgrund erschöpfter Vorräte die Förderung ein. Der neu aufgebaute VEB Feuerfestwerke Wetro übernahm die Anlagen und errichtete am Übergabebahnhof ein modernes Schamottewerk (Werk I). Ab 1965 bildete die Tongewinnung aus den benachbarten Gruben den Schwerpunkt. In die Gebäude des BKW zog der VEB Plastelektronik und Spezialwiderstände Dresden (Zeibina) ein. Das Grubengleis wurde zurückgebaut und endete am km 3,3. Etwa 20 Meter kürzer war das Ausziehgleis des Werkbahnhofs, das in einem Einschnitt unterhalb eines Grundstücks am Schmiedeberg endete. Eine Werklok übernahm die Wagenzuführung zu den ausgedehnten Verlade- und Fabrikanlagen des Schamottewerkes.
Zwischen 1985 und 1992 baute man nochmals Restkohle für das Kraftwerk Boxberg ab und legte dazu ein neues Grubengleis an, das im Nordkopf des Werkbahnhofs abzweigte. Zusätzlich enstand am km 0,5 der Strecke eine dreigleisige Übergabegruppe und die Werklok wurde durch eine stärker motorisierte V 60 nebst Lokschuppenneubau ersetzt.
Am 05.01.2001 wurde die Strecke offiziell stillgelegt und im Sommer des gleichen Jahres abgebaut. Die Verladeanlagen des BKW wurden nach 2009 abgerissen. Im Oktober 2022 baute man das Gleisstück im Bahnübergang km 1,53 zurück.

Noch heute vorhandene Relikte einer Tagebauerweiterung in den 1960er Jahren sind einige Brückenbauwerke, darunter eine 70 m lange Verladerampe, bestehend aus 11 Betonbögen. Fehlende Gleisbefestigungen und die Abmessungen lassen darauf schließen, dass die Bauwerke nur von Lkw befahren wurden. Gleisreste in den Gebäuden und Kipploren deuten jedoch auch auf eine schmalspurige Transportbahn in der alten Ziegelei. Zum Streckenverlauf waren keine Angaben auffindbar. [1],[2],[3],[4]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11384 Landesregierung Sachsen, Ministerium für Wirtschaft, Signatur 4170
[2] v. Polenz: "Eisenbahnen im Bautzener Land", Verein Ostsächsische Eisenbahnfreunde e.V., Löbau 2006
[3] Sommer: "Das Braunkohlenwerk Puschwitz" in Werkbahnreport Nr. 11
[4] "Sächsische Zeitung" vom 25.10.2022