Awanst Seidau - Seidau (Spreetalbahn)


1. Vorgeschichte und Bau
2. Betrieb und Stilllegung
3. Spurensuche
4. Fotos
Quellen

 Lage [km]   HSO    Station/Objekt [Anschlussgleislänge]

 0,000 BKP  215,45  Awanst Seidau  
 0,080      215,30  Anst Granitbruch [1925-1960]
 0,355      209,16  SÜ Temritzer Weg (K 7277)
 0,867      195,60  Anst Ziegelei Müller KG [1910-?, 75 m]
 0,886      195,60  BÜ Hoyerswerdaer Straße (B 96)
 1,25       186     SÜ A 4
 1,35       184,87  Ldst Seidau (Spreetalbahn)  
 1,425      184,87  Anst Heeresstandortverwaltung Bautzen
 1,435      184,87  EÜ Teichnitzer Straße
 1,743      176,93  Anst Kupferhammer [ab 1893]
                    Anst Betonwerk
 2,039      174,01  Anst Ziegelei Reinhardt [ab 1893]
                    Anst Elbtalwerk/Heimatfuhrpark
 2,095      174,35  Spreebrücke  
 2,165      174,74  Anst Gaswerk/Vereinigte Papierfabriken AG
 2,35       175,1   Brücke Werkgraben
 2,411      175,32  Streckenende

1. Vorgeschichte und Bau

Um 1510 entstanden die ersten Papiermühlen im Spreetal bei Bautzen. Die nach und nach aufgebauten Werke wurden 1871 als "Vereinigte Bautzner Papierfabriken AG" zusammengefasst. Die bedeutendste Produktionsstätte befand sich nördlich der Stadt Bautzen in Flur Seidau. Ein Gleisanschluss zum Bautzner Güterbahnhof war Ende des 19. Jahrhunderts unverzichtbar geworden, aufgrund der schwierigen Topografie aber nicht auf direktem Wege realisierbar.
Im Spreetal befand sich außerdem das 1858 erbaute Gaswerk der Stadt, das ebenfalls von einem Gleisanschluss profitiert hätte. Mit den Vorarbeiten zur Nebenbahn Bautzen - Königswartha und deren Fertigstellung Ende 1890 bot sich die Möglichkeit, ein regelspuriges Zweiggleis vom Hp Seidau aus in das Spreetal zu führen.
Am 30.04.1889 trafen die Interessenten der Zweigbahn eine Vereinbarung über die Bereitstellung der mit 212 000 M veranschlagten Kosten. Das Baukapital sollte wie folgt aufgebracht werden:
     Vereinigte Bautzner Papierfabriken      110 000 M
     Kupferhammer und Ziegelei Reinhardt      36 000 M
     Schleifmühle Lehmann                     36 000 M
     Stadtgemeinde Bautzen                    30 000 M
Der Inhaber der Schleifmühle Lehmann verstarb allerdings am 30.08.1890 und die Erben verzichteten auf den eigenen Anschluss, der sogar eine Brücke über die Spree erhalten hätte. Im gleichen Monat reichte Graf zur Lippe auf Teichnitz einen Widerspruch gegen die Trassierung in Flur Teichnitz ein.
Ungeachtet dessen begannen am 24.07.1891 die Vorarbeiten. Die Entwürfe für die öffentliche Ladestelle in Seidau und die Übergabegleise am Kupferhammer wurden am 26. November des Jahres genehmigt. Ein Vertrag vom 22.03.1892 charakterisiert die Strecke etwas näher:
»Zur Herstellung einer Eisenbahn-Verbindung zwischen den im Spreethale bei Bautzen befindlichen industriellen Anlagen und der Staatseisenbahn-Linie Bautzen - Königswartha wird von Baustation 15+94,3 (Betriebsstation 35+92,7) der letzteren ... eine 2,3 km lange normalspurige Flügelbahn mit Zweiggleisanschlüssen für den Kupferhammer und die Ziegelei des Herrn Reinhardt und die Bautzener städtische Gasanstalt, sowie mit besonderer Gleisanlage im Fabrikhof der Bautzener Papierfabrik gebaut ...«
Die Papierfabrik leistete eine Vorauszahlung in Höhe von 60 000 M und hinterlegte für die restlichen Baukosten 65 000 M in einer 3,5 %igen Reichsanleihe. Bis Station 14+25,0 entstand die Strecke auf Staatskosten. Der öffentliche Güterverkehr endete an der Ldst Seidau.
Im Juni 1892 begannen die Arbeiten. Die Bischofswerdaer Fa. Günther errichtete die Hochbauten und die drei erforderlichen Brücken im Privatanschluss. Die Spreebrücke war mit drei stählernen Überbauten von je 14 m Länge das größte Bauwerk der Strecke. Am 24.08.1892 genehmigte man die Aufstellung des 2 271 M teuren Güterschuppens der Ldst Seidau. Die Baukosten für das Privatgleis zwischen Stat. 14+25 und 22+90 beliefen sich auf 131 112 M. [1],[3],[5]

2. Betrieb und Stilllegung

Die Zweigbahn konnte am 19.06.1893 für den Güterverkehr eröffnet werden. Die Bezeichnung "Spreetalbahn" lässt vermuten, dass eine Weiterführung der Strecke durch das Spreetal geplant war. Darauf finden sich aber an keiner Stelle Hinweise. Eindeutiger ist das Staatsbahn-Kürzel BKP, in dem BK für die Stammstrecke Bautzen - Königswartha und das P für die Papierfabrik steht.
Für den Hauptanschließer der Bahn verkehrten täglich zwei Güterzüge. Die zu über 60 % in einer Steigung von 1:35 liegende Strecke verlangte den eingesetzten Maschinen einiges ab. Leider existieren aus der Betriebszeit dieser interessanten Nebenbahn kaum Fotos.
Zu einer ersten Erweiterung kam es 1904, als gegenüber dem Gaswerk eine Anlage zur Elektrizitätsherstellung in Betrieb ging. Die Werksgebäude der Papierfabrik in ihrem heutigen Aussehen entstanden im Jahr 1911. Am Übergang der Hoyerswerdaer Straße ließ sich eine Ziegelei nieder, die einen Anschluss mit Laderampe besaß. Für wenige Meter lag das Streckengleis hier horizontal.
Die Eingemeindung des Dorfes Seidau nach Bautzen im Jahr 1922 hatte keine Auswirkungen auf die Stationsbezeichnung. Der Bau der Autobahn nach Görlitz machte 1938 die Überbrückung des Taleinschnittes an der Ldst Seidau erforderlich.

Fahrplan von 1990/91

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte das VEB Betonwerk Bautzen die Räumlichkeiten der Papierfabrik. Ab dem 01.12.1951 war die Ldst Seidau (Spreetalbahn) unbesetzt, etwa 1960 erklärte man den Streckenabzweig zur Ausweich-Anschlussstelle.
Mit der Demontage des Gaswerkes verlor die Strecke 1972 einen wichtigen Güterkunden, doch der eigentliche Niedergang kam erst nach 1990: Am 10.01.1994 stellte die DB den Betrieb auf der Spreetalbahn ein. Der Einzug der "Stahl- und Behälterbau Bautzen GmbH" in die frühere Papierfabrik im Jahr 1997 fand noch mit vorhandenem, wenn auch stillgelegtem Gleisanschluss statt.
Vom 18. bis 20.09.1998 kam es zu Sonderfahrten zwischen Bautzen und dem Spreetal. Anlässlich einer Präsentation des neuen LVT/S-Triebwagens der Bautzner DWA GmbH pendelte dieser mehrmals täglich zwischen dem Bf Bautzen und einem provisorischen Haltepunkt am Gaswerksgelände. Ein einmaliges Erlebnis! [3],[4],[5]


3. Spurensuche

Die stadtnah gelegene Strecke bietet sich für eine Erkundung, verbunden mit einem Ausflug in das tausendjährige Bautzen an. Die Gelegenheit zur Besichtigung der Strecke sollte, wer interessiert ist, nutzen, bevor die letzten Überreste dem Rückbau zum Opfer fallen. Ein Stadtplan ist in jedem Fall ausreichend und für die Orientierung in den verwinkelten Gassen auch unbedingt zu empfehlen.
Ausgehend vom Bahnhof hat man in ca. 15 Minuten, nach Durchquerung des Stadtzentrums, das Spreetal unterhalb von Schloss und Ortenburg erreicht. Die in einem Spreebogen gelegene ehemalige Papierfabrik ist als größte Industrieansiedlung des Tales nicht zu verfehlen. Ein Gleis in der Zufahrt weist auf den Bahnanschluss hin. Die Werkgrabenbrücke verfüllte man schon vor 1945. Vom Gaswerk sind noch einige Gebäude erhalten, von den ursprünglich vorhandenen Drehweichen finden sich keine Spuren mehr.
Kilometertafel aus dem Jahr 1965:


Die nachfolgenden Meter bis zur Spreebrücke wurden demontiert, die Brücke selbst kann ohne Mühe überquert werden. Am Anschluss Kupferhammer erobert sich die Natur langsam ihr Terrain zurück. Die Strecke beschreibt einen Halbkreis um den Steinberg, tritt dann in das enge Seitental des Temritzer Wasser ein und steigt dabei stark an. Am östlichen Widerlager der acht Meter langen Brücke über die Teichnitzer Straße (10 339 M) ist deutlich der Übergang von der 1:35-Steigung in die Horizontale zu erkennen. Hinter der Brücke endete auch das privat finanzierte Anschlussgleis. Der originale Güterschuppen der Ldst Seidau ist, von etwas Bewuchs verdeckt, noch vorhanden. Unterhalb der 1996 erneuerten Autobahnbrücke befindet sich ein altes Lagergebäude, das heute von einem Baustoffhandel genutzt wird.
Bis zur B 96 steigt die Strecke erneut an. Die ungenutzten Gleise wurden am Straßenübergang entfernt; die Gebäude der Ziegelei stehen leer und verfallen. Zunächst nördlich des Hummelberges nach Westen verlaufend, wendet sich das Gleis am Temritzer Weg durch einen Felseinschnitt nach Süden. Die Straßenüberführung bestand ursprünglich aus einem 14 m spannenden, 7,6 m hohen Betonbogen (6 994 M) und wurde noch nach 1990 durch einen Neubau ersetzt. An den rostigen Gleisen der Awanst Seidau beginnt die Strecke und endet zugleich unser Ausflug auf den Spuren der Spreetalbahn. [1],[5]

4. Fotos

Quellen und weiterführende Literatur

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11230, DR, Rbd Dresden, Abgabe Cottbus, Signaturen I/2611, I/2614, I/2615, II/289
[2] Nagel, W.: "Bedienungsanweisungen für die Anschlußbahnen innerhalb der Ausweichanschlußstelle Spreetalbahn", Technikerarbeit 1965, (Akte I 140 im HStA Dresden)
[3] Giebelhäuser, P.: "100 Jahre Spreetalflügelbahn", Bautzen 1998
[4] Preuß, R.: "Seidau - Seidau Ladestelle (Spreetalbahn)" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[5] www.bautzenweb.de
[6] R. Heinzke, Wilthen, www.oberlausitzer-eisenbahnen.de
[7] v. Polenz, H.: "Eisenbahnen im Bautzener Land", Ostsächsische Eisenbahnfreunde e.V., Löbau 2006

Mehr Infos ...

Strecke Bautzen - Hoyerswerda

Web-Tipp

Sie möchten Ihr eigenes Internetangebot um einen Beitrag zur regionalen Verkehrsgeschichte ergänzen?
Diese Seite ist direkt erreichbar unter

bkp.railserve.de

www.sachsenschiene.de
© 2006 Jens Herbach
aktualisiert: 04.12.2006