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Eisenbahnen in Sachsen


Oschatz - Strehla
Vorgeschichte und Bau

Als um 1830 im Vorfeld des Baus der Leipzig-Dresdner Eisenbahn eine Entscheidung zur Lage der Elbquerung fallen sollte, lehnte der Strehlaer Stadtrat unter dem Druck einer ansässigen Adelsfamilie den Bau über sein Territorium ab. Der Kleinstadt an der Elbe blieb damit ein früher Bahnanschluss zu Gunsten von Riesa versagt, das sich in den nachfolgenden Jahrzehnten zu einem bedeutenden Eisenbahnknoten und Elbhafen entwickelte. Verschiedene Institutionen, wie beispielsweise das Amtsgericht, wanderten sogar aus Strehla nach Riesa ab. Nachdem Mitte des 19. Jahrhunderts der in Sachsen einkehrende wirtschaftliche Aufschwung in Strehla ausblieb, erkannten die Stadtväter ihre Fehlentscheidung und kämpften fortan für einen Bahnanschluss. Nach der 1885 erfolgten Eröffnung der 750-mm-spurigen Schmalspurbahn Oschatz - Döbeln kam eine Verlängerung dieser Strecke bis zur Elbe ins Gespräch, um den Unternehmen südlich von Oschatz den Versand ihrer Produkte auch auf dem Wasserweg zu ermöglichen. Das an die Staatsregierung herangetragene Ersuchen wurde wohlwollend aufgenommen und am 01.05.1890 begann ein in Oschatz eingerichtetes Baubüro mit den Vorarbeiten. Unter der Bedingung einer möglichst geradlinigen Trassierung genehmigte die sächsische Regierung schließlich am 20.05.1891 den Bau einer Schmalspurbahn von Oschatz nach Strehla. Über die Entscheidung heißt es später: »Bei der für den Bahnbau günstigen Gestaltung der Grund- und Bodenverhältnisse zwischen Oschatz und Strehla und bei der unschweren Ausführbarkeit einer kleinen, für den Elbumschlag geeigneten Kaianlage in der Nähe der Stadt Strehla, war die Bahn mit verhältnissmässig geringen Kosten herzustellen. Auch waren die für den Anschluss der Schmalspurbahn Döbeln-Oschatz an die vollspurige Hauptbahn hergestellten Anlagen auf Bahnhof Oschatz in der Hauptsache für die Aufnahme des Verkehrs der Linie Oschatz-Strehla genügend und infolge dessen irgendwelche erhebliche Umänderungen in Oschatz nicht nöthig. ...
Als Spurweite ist - da diese Bahn als Fortsetzung der Döbeln-Oschatzer Linie gedacht war, bei den wenig entwickelten industriellen Verhältnissen der von der Bahn berührten Gegend auch zu erwarten stand, dass eine Schmalspurbahn dem vorhandenen Bedürfnisse vollauf genügen werde - überhaupt nur die Schmalspur in Frage gekommen.
«

Am 01.06.1891 fand auf dem künftigen Bahnhofsgelände in Strehla der erste Spatenstich durch die ortsansässige Fa. König & Teichmann statt. Mit dem Streckenbau in zwei Baulosen (die Losgrenze lag bei Station 57+80) hatte man das Chemnitzer Unternehmen Findeisen & Hildsberg beauftragt. Im Durchschnitt waren 215 Arbeiter beschäftigt. Das Gleis bekam nur schwache Schienenprofile und wurde in einer Kiesbettung verlegt, was anfangs des öfteren zu Entgleisungen führte. Die direkte Streckenführung durch die Döllnitzniederung bei Oschatz sollte später aufgrund regelmäß wiederkehrender Hochwasser den Bahnbetrieb beeinträchtigen. Die Ausstattung der drei Zwischenstationen erfolgte äußerst bescheiden, da man mit keinem nennenswerten Personenverkehr rechnete. Lediglich der Endbahnhof Strehla erhielt umfangreichere Anlagen für den örtlichen Güterverkehr und ein Empfangsgebäude im typisch sächsischen Klinkerbaustil.
Die erste I K-Lokomotive, im Volksmund als "Emilie" bezeichnet, traf am 25. August mit einem Pferdefuhrwerk in Strehla ein. Am 30.11.1891 befuhr "Emilie" mit einem Bauzug erstmals die Gesamtstrecke und am 22. Dezember fand die landespolizeiliche Abnahmefahrt statt. [2],[3],[6]

Betrieb und Stilllegung

Nach nur sechsmonatiger Bauzeit erfolgte die feierliche Einweihung der neuen Schmalspurbahn. Der "Oschatzer Anzeiger" berichtete hierzu: »Am 30. Dezember 1891 wurde auf dem festlich geschmückten Oschatzer Bahnhof gegen 11.00 Uhr der Sonderzug aus Strehla zu Ehren der feierlichen Eröffnung der Schmalspurstrecke Oschatz - Strehla von einer großen Zuschauermenge empfangen. Die mit Freude und Stolz erfüllten Strehlaer wurden vom Bürgermeister Härtwig willkommen geheißen. Anschließend wurde im Gasthof "Sächsische Krone" ein Imbiß eingenommen. Der Oschatzer Bürgermeister sagte in seiner Begrüßung, die Oschatzer schätzen sich glücklich, daß ihnen die Strehlaer nun näher gebracht worden seien. Man dürfte jetzt hoffen, alte Geschäftsverbindungen zu neuer Blüte zu bringen. Bürgermeister Schreiber aus Strehla erwiderte, er sei auf den Flügeln des Dampfrosses hierher geeilt, um die Verbundenheit seiner Stadt, die nun mit einem eisernen Bande vollzogen wurde, zu bekunden. Erst kurz vor Abfahrt des Sonderzuges nach Strehla fanden sich die Herren aus Dresden ein. [...]«
Während in Schmorkau der mit über 100 Ehrengästen besetzte Sonderzug noch von der Rittergutsherrschaft begrüßt wurde, hielt die Dorfbevölkerung in Zaußwitz schon gehörigen Abstand zum neuen Transportmittel und den Haltepunkt Kleinrügeln musste der Zug ohne jegliche Begrüßung passieren.
Die ab dem Silvestertag 1891 planmäßig verkehrenden Züge zuckelten meist als GmP und mit höchstens 20 km/h durch die Landschaft. Das 730 m lange Gleis zum Strehlaer Elbkai ging am 20.04.1892 in Betrieb. Außer zwei parallelen Ladegleisen gab es dort keine weiteren Anlagen. Im Bahnhof Strehla abzweigend entstanden in den Folgejahren weitere Gleisanschlüsse zur Leimfabrik, den Chemischen Werken und einem Dampfsägewerk. Durch den benachbarten Riesaer Elbhafen und den ungünstigen Verlauf der bahnamtlich als OS-Linie bezeichneten Strecke, weitab jeder Industrieansiedlung, war das Güteraufkommen sehr gering. Dies besserte sich erst 1912 mit der Einführung des Rollwagenverkehrs. Dazu musste auch der Oberbau verstärkt und ein Schotterbett für das Streckengleis hergestellt werden. Im Jahr 1928 begann am Strehlaer Elbkai der Umschlag von Kaolin aus Kemmlitz. Der Rohstoff zur Porzellanherstellung blieb bis 1954 die Lebensgrundlage des kleinen Elbhafens. Zur geplanten Erweiterung der Kaianlagen kam es nicht mehr und drei Jahre später baute man den Gleisanschluss ab.

Mit sechs werktäglichen Zugpaaren erreichte die Strecke vor Beginn des Zweiten Weltkriegs ihre Blütezeit. Nach einem erneuten Aufschwung in den Nachkriegsjahren kündigte sich recht schnell der Niedergang der Schmalspurbahn an. Dazu trugen vor allem Einschnitte im Güterverkehr bei: 1962 erfolgte die Einstellung des Stückgutverkehrs und bis 1970 verlor die Bahn fast alle verbliebenen Güterkunden, so dass zuletzt nur noch die Leimfabrik auf der Schiene bedient wurde.
Der bereits für 1967 im Personenverkehr geplante "Verkehrsträgerwechsel" konnte mangels Kapazitäten des VEB Kraftverkehr erst fünf Jahre später vollzogen werden, obgleich schon einzelne Züge in den verkehrsschwachen Zeiten durch Busse ersetzt worden waren.
Aus "technischen Gründen und mit Zustimmung der Riesaer und Oschatzer Kreisräte", wie die amtliche Meldung am 27. Januar 1972 lautete, trennte sich die Deutsche Reichsbahn schließlich von ihrem ungeliebten Kind. Am winterlichen Abend des 31. Januar verabschiedeten Eisenbahner und Anwohner in Strehla den letzten Zug (99 1569 mit dem GmP 69942) nach Oschatz. Im März des Jahres begann die Demontage des Streckengleises und nach acht Wochen hatte der Abbauzug mit 99 1555 (unter dem Einsatz von Zeithainer Strafgefangenen) sein Werk verrichtet. Reste der Anschlussgleise wurden erst in den Folgejahren demontiert.
Zu Beginn der 80er Jahre begann die Reaktivierung der brachliegenden Trasse als strategische Umgehungsbahn. Doch dies ist bereits wieder ein neues Kapitel Eisenbahngeschichte ... [2],[3],[7]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11228 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Signatur 5153
[2] Kenning: "Schmalspurbahnen um Mügeln und Wilsdruff", Verlag Kenning, Nordhorn 2000
[3] Scheffler: "Oschatz - Strehla" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[4] Högemann, Kenning: "Das Schmalspurnetz Mügeln", Verlag Kenning, Nordhorn 1995
[5] Scheffler: "Schmalspur-Heizhäuser in Sachsen", Verlag Kenning, Nordhorn 1996
[6] Ledig, Ulbricht: "Die schmalspurigen Staatseisenbahnen im Königreiche Sachsen", Verlag W. Engelmann, Leipzig 1895
[7] Scheffler: "Die Schmalspurbahn von Oschatz nach Strehla" in "Der Rundblick", Heft 9/1969
[8] "Eisenbahn-Journal Archiv (Sachsenreport)", Band 5
[9] Wagner, Wunderwald: "Die Schmalspurbahn Oschatz - Strehla", Wilsdruffer Bahnbücher, Nossen 2011