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Eisenbahnen in Sachsen


Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein
Vorgeschichte und Bau

Erst 1856 erhielt die kleine erzgebirgische Stadt Frauenstein durch eine Postkutschenverbindung nach Freiberg Anschluss an die "weite Welt". Eine Denkschrift des Bergmeisters Kötting vom März 1865 beschäftigte sich mit einer Eisenbahnstrecke Klingenberg - Frauenstein - Dux. Ein im Juli des Jahres gegründetes Eisenbahnkomitee wollte den Bau aus privaten Mitteln finanzieren. Nach dem Abschluss der Vermessungsarbeiten im November 1867 verliert sich jedoch die Spur des Projektes ...
Der Bau der Schmalspurbahn Hainsberg - Kipsdorf in den Jahren 1882/83 machte eine parallele Trassierung durch das Tal der Wilden Weißeritz unrentabel, so dass schließlich die sogenannte "Bobritzsch-Linie" in den Vordergrund rückte: Ab Niederbobritzsch oder Klingenberg sollte die Bahn Frauenstein erreichen. Man verglich sechs Trassierungsvarianten, u. a. über Hartmannsdorf und Reichenau. Der Entwurf einer 750-mm-spurigen Schmalspurbahn über Pretzschendorf wurde dem sächsischen Landtag 1895 vorgelegt. Im Erläuterungsbericht vom 26.10.1895 begründet man die Entscheidung zur schmalen Spur: »Der verhältnißmäßig geringe zu erwartende Verkehr sowohl, wie auch die Geländeverhältnisse, namentlich die nöthig werdenden bedeutenden Steigungen, lassen die Wahl der Schmalspur vollberechtigt erscheinen. [...]«
Am 27.02.1896 genehmigte der Landtag die Neubaustrecke Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein. Im Dekret Nr. 17 heißt es einleitend: »Vor mehr als zwanzig Jahren ist bereits bei den Vorarbeiten für die Eisenbahn von Freiberg nach Bienenmühle und Moldau auf Wunsch der Regierung von der vormaligen Leipzig-Dresdner Eisenbahn erwogen worden, ob die auf einem Bergrücken zwischen dem Gimmlitz- und dem Bobritzschthale hochgelegene Stadt Frauenstein bei dieser Gelegenheit in das Eisenbahnnetz mit einbezogen werden könne. Die damals unternommenen Versuche mußten jedoch aufgegeben werden, weil sich sowohl der Heranführung der Bahn von Lichtenberg durch das Gimmlitzthal bis in die Nähe von Frauenstein, als auch der Fortsetzung der Bahn in der Richtung nach Moldau auf diesem Wege unüberwindliche Schwierigkeiten entgegenstellten [...]«
Eine geschickte Trassierung der Schmalspurstrecke sollte aufwändige Kunstbauten vermeiden; der Kostenvoranschlag lag bei 1,765 Mio. Mark.
Die Vermessung und Absteckung der Trasse führte der Annaberger Geometer H. Simmen durch. Die Anlage eines Haltepunktes in Niederpretzschendorf wurde erst im Januar 1897 beschlossen. Nach Beendigung der Vorarbeiten begann der Bahnbau im Juli 1897. Den Zuschlag für die Bausektionen I bzw. II erhielten folgende Unternehmen:
     Stat.   0     -  99+13,2    Fa. Seim & Riedel, Freiberg
           99+13,2 - 199+8,13    Fa. Max Born, Frauenstein
Durchschnittlich waren im ersten Jahr 225 Arbeiter beschäftigt, im Jahr 1898 sogar 522. Dementsprechend groß waren die Baufortschritte. Die Fa. Born setzte im Bauzugverkehr eigene Lokomotiven ein. Die stählernen Brückenüberbauten lieferte die Lauchhammer-A.G. Bis auf die Wegbrücke vor Frauenstein begann die Herstellung der Kunstbauten erst 1898. Im Steinbruch Turmberg bei Frauenstein gewann man den nötigen Schotter. Das Bahnverwaltereigebäude in Frauenstein war mit Abstand der teuerste Hochbau und entsprach in seiner Gestaltung den um 1900 üblichen Typenbauten für Nebenbahnen. Von der Errichtung eines Wohnhauses in Burkersdorf sah man ab, da die Gemeinde Wohnraum in Bahnhofsnähe zur Verfügung stellte. Für den Bau der Gebäude waren in der Sektion I die Fa. Ernst Leuschner aus Klingenberg und in der Sektion II das Freiberger Unternehmen Richard Göpfert zuständig.
Bereits im Sommer 1898 waren die Arbeiten abgeschlossen. Die Abnahmefahrt fand am 12.09.1898 statt. Das Bestreben der Staatsbahnverwaltung zur Kosteneinsparung wird an dem Umstand deutlich, dass für den Oberbau Restmaterial von den Linien Kohlmühle - Hohnstein und Klotzsche - Königsbrück zum Einsatz kam, außerdem gekürzte Altschwellen von der Strecke Bodenbach - Dresden (Hochlegung des Gleises Reick - Dresden). Die nötigen Betriebsmittel der Strecke "rekrutierte" man aus dem entbehrlich gewordenen Bestand der Schmalspurbahn Klotzsche - Königsbrück. Der Zeitwert der Fahrzeuge betrug immerhin 180 000 M, die dem Baukapital gutgeschrieben werden konnten. Eine Draisine kam von der aufgelösten Bahnverwalterei Hohnstein. [1],[3],[4]

Betrieb und Stilllegung

Die feierliche Einweihung der neuen Schmalspurbahn erfolgte am 14.09.1898. An der Frauensteiner Bahnhofstraße begrüßte eine Ehrenpforte mit der Inschrift "Willkommen in Frauenstein - Nach langem Ringen mußtīs gelingen" die Gäste. Um 10.45 Uhr verließ der Festzug den Bf Klingenberg-Colmnitz. Überall entlang der Strecke wurde er begeistert empfangen. Gemeindevertreter hielten in den Zwischenstationen kurze Ansprachen; in Friedersdorf regte Gemeindevorstand Wunderwald den Weiterbau der Strecke bis zur Landesgrenze an. Gegen 12 Uhr traf der Zug im Endbahnhof ein, danach begaben sich die etwa 220 Fahrtteilnehmer zum Festessen in den Gasthof "Goldener Löwe". In einer Ansprache bekräftigte der Frauensteiner Bürgermeister Göhler nochmals die Dankbarkeit und Freude der Bevölkerung. Die Feierlichkeiten klangen mit einem Ball erst in der Nacht aus. Am gleichen Tag trat die Postkutsche nach Freiberg ihre letzte Fahrt an. Das neue Verkehrsmittel ermöglichte die Reise in die Residenzstadt Dresden in fast der Hälfte der bisher benötigten Zeit.
Der erste reguläre Personenzug P 2931 verließ Frauenstein am 15. September um 5.00 Uhr. Den regen Zuspruch, den die Bahn nach ihrer Eröffnung verzeichnen konnte, gibt ein Artikel im "Frauensteiner Anzeiger" vom 19.09.1898 wieder: »Auf der neueröffneten Eisenbahnlinie Frauenstein - Klingenberg hat sich ein Verkehr entwickelt, wie man ihn wohl nicht erwartet hätte. Vom ersten Tage der Eröffnung an waren alle ziemlich langen Züge voll besetzt und brachten größere und kleinere Gesellschaften aus Tharandt, Wilsdruff etc. und viele einzelne Besucher hierher. Ganz gewaltig war aber der Verkehr am gestrigen Sonntag. Die auf der neuen Linie zur Verfügung stehenden Personenwagen reichten bei weitem nicht aus, so daß die Güterwagen zur Beförderung mit benutzt werden mußten. Man kann wohl sagen, daß die gestern hier eingelaufenen Züge ca. 400 Fremde nach unserer Stadt gebracht haben. [...]«

Zum Zeitpunkt der Eröffnung bestanden nur zwei Anschlussgleise, die am 16.09.1898 erstmals bedient wurden. Erwähnenswert ist, dass bereits kurz nach Eröffnung der Strecke eine Petition der Anrainer für die Verlängerung des Gleises um 12,5 km bis Hermsdorf-Rehefeld bzw. Moldau entstand. Trotz guter Trassierungsbedingungen (durchschnittliche Steigung 1:154) erreichte die Schmalspurbahn aber nie die sächsisch-böhmische Landesgrenze.
Das wachsende Verkehrsaufkommen führte zu Erweiterungen der Gleisanlagen und Hochbauten. Die hölzernen Wartehallen der Zwischenstationen erhielten 1910 eine Ofenheizung, das Gebäude in Pretzschendorf wurde 1918 durch einen massiven Anbau verlängert. Die Einrichtung eines Haltepunktes in Oberpretzschendorf lehnte man hingegen 1911 ab. Der Verzicht auf ein bahneigenes Wohnhaus in Burkersdorf erwies sich als Fehlentscheidung, so dass man 1913 den Bau eines solchen plante. Errichtet wurde es im Folgejahr - allerdings nicht in Burkersdorf, sondern am Bahnhof Frauenstein als etwas abgeänderter Typenbau. Ab November 1919 musste das Streckengleis am km 0,15 durch eine Förderbahn für den Bau der Strecke Klingenberg-Colmnitz - Oberdittmannsdorf niveaugleich gekreuzt werden.
Die Einführung des Rollwagenverkehrs wurde seit Beginn der zwanziger Jahre von verschiedenen Firmen gefordert, aber niemals realisiert. Im Jahr 1926 erhielten die Bahnwärterhäuser in Friedersdorf und Oberbobritzsch einen Fernsprechanschluss, im Mai 1927 ging mit 167 m Nutzlänge das Kreuzungsgleis 3 in Friedersdorf in Betrieb.
Die ungeschützte Lage der Strecke auf den Höhenzügen des Erzgebirgs-Vorlandes führte seit Anbeginn zu Problemen im Winter. Trotz aufgestellter Schutzzäune erreichten die Schneewehen zwischen Burkersdorf und Frauenstein nicht selten drei bis vier Meter Höhe, so dass selbst Züge mit Doppeltraktion kapitulieren mussten. Mit fast jährlicher Regelmäßigkeit blieben Züge bei Burkersdorf für mehrere Tage im Schnee stecken.
Im Zweiten Weltkrieg blieb die Strecke zwar von Zerstörungen verschont, am 16.04.1945 wurde jedoch in Höhe des Turmberges ein GmP mit 99 674 von Tieffliegern angegriffen. Der Lokheizer kam auf tragische Weise ums Leben, als er noch einmal zu seiner Maschine zurückkehrte, um das Sicherheitsventil zum Schweigen zu bringen. Eine in diesem Augenblick detonierende Bombe ließ die Lokomotive umkippen.

Nach Kriegsende ruhte der Zugverkehr und wurde auf Bitten des Frauensteiner Bürgermeisters am 12.07.1945 mit vorerst zwei werktäglichen Zugpaaren wieder aufgenommen. Die seit 1928 bestehende Buslinie Freiberg - Frauenstein fuhr wieder ab 1951, war allerdings keine ernst zu nehmende Konkurrenz für die Schmalspurbahn, die sich nach wie vor im Güterverkehr behaupten konnte. Der Anschluss zum Steinbruch Lange war bereits im Februar 1953 nicht mehr vorhanden.
Die Rationalisierungsbestrebungen der Deutschen Reichsbahn im Wilsdruffer Netz griffen ab 1964 um sich. Eine Ingenieurarbeit zum Verkehrsaufkommen auf der Strecke Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein aus dem Jahr 1962 konstatiert: »Im allgemeinen kann [...] die Kapazität der Schmalspurbahnen wegen des relativ geringen Verkehrsbedürfnisses nicht ausgenutzt werden, obgleich die Kosten für die Unterhaltung der Anlagen und Fahrzeuge mit zunehmender Alterung ständig steigen. Solche Schmalspurbahnen werden in der Perspektive immer mehr ihre Existenzberechtigung einbüßen. Es sollte deshalb erwogen werden, zunächst die unwirtschaftlichen Leistungen dem Kraftverkehr zu übertragen.«
Nur ein sehr engagiertes und offenes Schreiben des Frauensteiner Bürgermeisters verhinderte zu dieser Zeit die Stilllegung der Bahn. Das Bergstädtchen hatte seinen guten Ruf als Urlaubsort zu verlieren, da gerade im Winter die Bahn dem Straßenverkehr überlegen war. Die DR sicherte vorerst den Erhalt der Strecke zu, vernachlässigte aber die Instandhaltung des Oberbaus.
In den Jahren 1968/69 kamen einige gut besuchte Sonderzüge des DMV auf die Strecke, die zugleich den Abschied von der letzten Strecke des Wilsdruffer Schmalspurnetzes einläuteten. Die Güterbeförderung ging im Herbst 1970 auf den Kraftverkehr über. Ein Beschluss der Burkersdorfer Volksvertretung liest sich wie folgt: »Entsprechend der vom VII. Parteitag der SED vorgesehenen Rationalisierungsmaßnahmen im Verkehrswesen stimmt die Volksvertretung der Gemeinde Burkersdorf der Schließung des Bahnhofs Burkersdorf b. Frauenstein für den Güterverkehr zum 1.6.1969 zu [...] Der Nutzen der Deutschen Reichsbahn beträgt bei der Stillegung der Strecke Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein 1.217.000 Mark als jährliche Selbstkosten. Zugleich werden Investitionskosten in Höhe von ca. 1 Mill. Mark eingespart.«

Das Ende nahte unerwartet schnell: Am 20.10.1971 kippte um 11.45 Uhr bei der Einfahrt des P 920 in Oberboritzsch die Zuglok 99 715 in den Bahngraben. Das Lokpersonal blieb glücklicherweise unverletzt, der einzige Fahrgast des Zuges musste seinen Heimweg zu Fuß fortsetzen. Der nachfolgende SEV wurde beibehalten, auch nachdem am 23. Oktober das betroffene Gleis ausgebessert und die Profilfreiheit vorhanden war. Die am 02.11.1971 von der Schwesterlok 99 713 aus ihrer misslichen Lage geborgene 99 715 erfreut sich heute übrigens "bester Gesundheit". Am 28.05.1972 fand offiziell der Verkehrsträgerwechsel statt. Der Abbau der Gleisanlagen währte bis 1978. Die Wegbrücke am km 17,566 wurde als einziges Bauwerk nach der Stilllegung abgerissen und die anschließenden Dämme eingeebnet.
Ein Kuriosum stellte die am 01.02.1973 wiedereröffnete Fahrkartenausgabe im Bahnhof Frauenstein dar. Noch bis zum Jahresende 1991 war dort der Erwerb von Fahrkarten für das Reichsbahnnetz möglich!
Anlässlich des 100jährigen Streckenjubiläums wurde am 14.09.1998 am km 14,87 bei Burkersdorf ein Rastplatz mit Eisenbahndenkmal eingeweiht, errichtet von der Burkersdorfer Familie Rüger. An Hektometersteinen waren noch auffindbar: 83, 84, 93, 94, 96, 113, 116, 117, 118, 135, 136, 137, 152, 167, 168, 171, 172 und 174. Von den Steinen mit abweichender Stationierung (53+4, 56+4, 58+4, 119+13, 126+4) existieren vor Ort keine mehr. Die Suche blieb allerdings auf frei zugängliche Streckenabschnitte begrenzt. [1],[2],[3],[4],[5],[6]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11228 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Signatur 6147-6155, 6157, 6158, 6161, 6164, 17756, 32466
[2] Erler, Lohse: "Streckenanalyse Reiseverkehr Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein", Ingenieurarbeit 1962, (Akte I 18 im HStA Dresden)
[3] Wunderwald: "Die Schmalspurbahn Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein", Wilsdruff 1998
[4] Kenning: "Schmalspurbahnen um Mügeln und Wilsdruff", Verlag Kenning, Nordhorn 2000
[5] Berg: "Gute alte Bimmelbahn", Frauenstein 1996
[6] Berg: "Funkenflug", Freiberg 2001
[7] Wunderwald: "Klingenberg-Colmnitz - Frauenstein" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[8] "Eisenbahn-Journal Archiv (Sachsenreport)", Band 7