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Eisenbahnen in Sachsen


Neupetershain — Hoyerswerda
Vorgeschichte und Bau

Die regelspurige Nebenbahn von Neupetershain nach Hoyerswerda ist ein weitgehend unbekannter Teil preußischer, seit 1990 auch sächsischer Eisenbahngeschichte. In der Literatur nur mit wenigen Zeilen bedacht, sollen im Folgenden die auffindbaren Fakten vorgestellt werden.
Die Entwicklung der Strecke ist eng verbunden mit dem Braunkohleabbau zwischen Petershain und Spremberg. Ende des 19. Jahrhunderts existierte bereits ein Gleisanschluss vom Bahnhof Petershain zur Glasfabrik Bismarckhütte nördlich der Stadt Welzow, der später bis zur 1900 eröffneten Brikettfabrik der Grube Clara bei Haidemühl verlängert wurde. Die aufstrebende Industrie der Region, besonders die Fabriken in Spremberg, waren auf Kohlelieferungen aus den örtlichen Gruben angewiesen, die vorerst noch mit Pferdefuhrwerken befördert wurden. Zu jener Zeit entstand das Projekt einer Eisenbahnverbindung zwischen Petershain, Hoyerswerda und Spremberg. In einem Schreiben vom 08.12.1902 heißt es: »Der Kreistag hat gleichzeitig [...] seinem Vertrauen Ausdruck gegeben, daß die Königliche Eisenbahndirektion die Interessen der Stadt Spremberg in größerem Maße wahren werde [...] Dies wird sich um so leichter ermöglichen lassen, als das den Bau dieser Eisenbahn genehmigende Gesetz vom 20. Mai d. Js. zum Endpunkt derselben die Stadt Spremberg - nicht Kodersdorf - bestimmt und [...] erscheine als naturgemäßer und mehr im Interesse einer Entwicklung der neuen Bahn zu sein, wenn dieselbe an die normalspurige Nordbahn Anschluß suche, die ihrerseits die Verbindung mit der Berlin-Görlitzer Eisenbahn herstellt. [...]«
Im Februar 1902 erließ die preußische Regierung das Gesetz zum Bahnbau. Man bewilligte dafür Gelder in Höhe von 4,08 Mio. Mark. Die Kreise Hoyerswerda und Spremberg waren bereit, das für den Bahnbau benötigte Land unentgeltlich bereitzustellen. Finanziert wurde das Vorhaben über eine Anleihe bei der Hauptsparkasse Lübben. Die Gemeinden Bluno, Bergen, Nardt und Seidewinkel beschlossen den Grunderwerb 1901/02.

Im Juni 1902 begannen die Vorarbeiten. Da eine Nutzung der vorhandenen Anschlussgleise aufgrund der Trassierungsparameter nicht möglich war, ließ man die Bahn südlich von Petershain abzweigen. Für die 23,8 km lange Strecke bis Hoyerswerda sah man die Haltestellen Neu-Welzow und Bergen-Neuwiese, sowie die Bahnhöfe Bluno, Bismarckhütte (als Übergabebahnhof zu den Kohlewerken) und Proschim-Haidemühl vor. Die Vertreter von Neuwiese waren nicht bereit, sich an den Kosten zu beteiligen, so dass die geplante Station Bergen-Neuwiese auf Bergener Flur verlegt wurde.
In Bluno sollte die so genannte "Westbahn" nach Spremberg abzweigen. Die Ausführung dieses Streckenzweiges bedrohte Anfang 1904 den gesamten Bahnbau, da der Kreis Spremberg den Anschluss in Proschim-Haidemühl forderte. Auf einer Konferenz am 11.03.1904 in Spremberg versuchten die am Bau Beteiligten die Angelegenheit zu klären - vorerst ohne Erfolg. Im Dezember des Jahres stimmte man schließlich der Forderung der Spremberger zu, die ihrerseits eine Entschädigung von 20 000 Mark an die Gemeinde Bluno zahlten.
Die Einführung der Strecke in den Bahnhof Hoyerswerda sollte anfangs unter Überquerung der Hauptbahn von Süden her erfolgen. Realisiert wurde die einfachere nördliche Anbindung. Im Bahnhof waren ein neuer Güterschuppen und zwei Weichenstellerbuden zu errichten.
Die Trassierung der Strecke war unkompliziert. Nennenswerte Brückenbauten waren lediglich in der Elsterniederung bei Neuwiese und in einem Teichgebiet bei Proschim-Haidemühl erforderlich. Der Bahnhof Petershain erhielt ein größeres Empfangsgebäude, vier neue Beamtenwohnhäuser und eine Lokstation. Der Güterschuppen wurde ebenfalls erweitert. In Welzow und Proschim-Haidemühl entstanden prächtige Bahnhofsgebäude in preußischer Klinkerbauweise und vom Jugendstil beeinflusst. Im Vergleich dazu fielen die Hochbauten in Bluno und Bergen eher sachlich und bescheiden aus. Zur Streckenstationierung wählte man grob behauene Granitsteine mit aufgemalten Ziffern. Am 25.06.1907 erfolgte die Abnahme der Nebenbahn Petershain - Hoyerswerda. [1],[2],[3],[5],[6]

Betrieb und Stilllegung

Die feierliche Eröffnung der neuen Bahnlinie fand am 01.07.1907 statt. Eine Lokomotive der späteren BR 34 zog den festlich geschmückten Zug. In der Stadt Welzow, die nunmehr auch an das Eisenbahnnetz angeschlossen war, begrüßten die Einwohner ihr neues Verkehrsmittel. Der Abzweig nach Spremberg wurde vorläufig am 1. Oktober eröffnet, die Gesamtstrecke bis Spremberg West war nach der Montage einer Brücke ab dem 01.04.1908 befahrbar. Im gleichen Jahr ging auch die Fortsetzung der Strecke ins sächsische Königswartha in Betrieb, womit durchgehende Züge nach Bautzen möglich wurden. Bis 1945 wurden im werktäglichen Berufsverkehr zwischen Petershain (ab 1929 Neu Petershain) und Spremberg West sogar Akku-Triebwagen des Bw Cottbus eingesetzt.
Auf der Ostseite des Bahnhofs Bluno entstand 1920/21 eine dreigleisige Übergabegruppe der Grube Brigitta (später Spreetal) an die eine mehrere Kilometer lange Werkbahn über Sabrodt (1936-1948 Wolfsfurt) und Brigittenhof anschloss. Am 15.10.1924 bekam die Grube Clara bei Haidemühl einen weiteren Bahnanschluss über eine meterspurige Kohlebahn von Spremberg.
Der Bau des Elsterkanals erforderte 1934 eine Eisenbahnbrücke bei Bergen. Um 1936 erhielt der zwischen den Strecken Cottbus - Ruhland und Neupetershain - Hoyerswerda in der "Alten Heide" gelegene, ab 1928 zivil genutzte Flugplatz einen Gleisanschluss vom Bahnhof Welzow. Dieser führte, rund 800 m nördlich des Bahnhofs abzweigend, am Südrand des Geländes entlang, schwenkte bei Lindenfeld nach Norden und endete an einem Treibstofflager im Nordwesten des Flugplatzes. Bis Ende April 1945 war hier ein Jagdgeschwader stationiert, danach übernahm die Rote Armee die Anlagen. Ein Großteil der militärischen Bauten wurde gesprengt. Ab 1950 wurde der Platz ausgebaut, das Anschlussgleis eingekürzt. Auch auf aktuellen Karten werden die Anlagen nicht oder nur fehlerhaft dargestellt - ein Tribut an die militärische Vergangenheit.
Ebenfalls militärische Gründe hatte die Anlage eines Anschlussgleises am km 20,3. Mit Gleismaterial der Ilse-Bergbau A.G. errichtete die Wehrmacht den Anschluss für Kohlelieferungen zum (geplanten) "Oflag IV D" bei Elsterhorst (ehem. Nardt). Aufgrund einer fehlenden Warnlichtanlage am BÜ der Reichsstraße 96 und der näher rückenden Front konnte das Gleis bis Kriegsende nicht polizeilich abgenommen werden, ging aber lt. Aktennotiz am 01.10.1944 provisorisch in Betrieb.
Die Änderung des Ortsnamens Bluno in Blunau am 30.11.1936 hatte die Umbenennung der Bahnstation zum Fahrplanwechsel 1937 zur Folge. Nach 1945 wurde dies wieder rückgängig gemacht.

Den umfangreichen Tagebau-Neuaufschlüssen nach dem Zweiten Weltkrieg fielen schrittweise auch die Eisenbahnstrecken nördlich von Hoyerswerda zum Opfer. Am 30.09.1947 wurde die Verbindung Proschim-Haidemühl - Spremberg West stillgelegt.
Interessant ist, dass man den starken Berufsverkehr bis 1952 über die parallel verlaufende Kohlebahn abwickelte. Die Züge bedienten in Proschim-Haidemühl allerdings nicht den Staatsbahnhof, sondern endeten an der Brikettfabrik. Ab 1955 entstand zwischen Knappenrode, Spreewitz und der Strecke Cottbus - Ruhland eine neu trassierte, hauptbahnmäßig ausgebaute und elektrifizierte Kohleabfuhrstrecke. Zum Fahrplanwechsel 1960 kam es zur Einstellung des Personenverkehrs zwischen Neupetershain und Bluno. Die Strecke Bluno - Hoyerswerda wurde zuvor über zwei Verbindungskurven nördlich von Bluno an den 1959 eröffneten Bahnhof Sabrodt bzw. den Abzweig Sabrodt West angeschlossen. Die Personenzüge verkehrten fortan von Hoyerswerda über den Abzweig Sornoer Buden nach Neupetershain, womit sich eine 4,1 km längere Streckenführung ergab. Aufgrund der zwei weggefallenen Zwischenhalte blieb die Fahrzeit annähernd gleich. Am 28.05.1961 wurde der Abschnitt Welzow - Bluno auch für den Güterverkehr geschlossen. Ab 1962 entfiel der Halt in Bergen und der Personenverkehr wurde über die "Ringbahn" Hoyerswerda - Bluno - Schwarze Pumpe - Knappenrode - Hoyerswerda geführt. Am 28.05.1967 kam es zur Einstellung des Gesamtverkehrs zwischen Bluno und Hoyerswerda und von km 8,1 bis 20,6 verschwanden die Gleise.
Der Nordteil der Strecke diente - zusammen mit der alten Werkbahnstrecke in Welzow - bis zuletzt der Anbindung des Flugplatzes und der Brikettfabrik in Haidemühl. Nachdem die Gleise zum Staatsbahnhof um 1970 abgebaut wurden, wandelte man den Abschnitt bis Welzow in einen Streckenrangierbezirk um. Im November 1982 erfolgte der Rückbau zwischen km 4,5 und 5,3. Am 01.01.1995 wurden die verbliebenen Streckenabschnitte offiziell stillgelegt. Bis zum km 2,75 und vor Hoyerswerda liegt das Gleis noch unverändert. [1],[2],[3],[4],[6],[7]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11230 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Abgabe Cottbus, Signaturen I/1252, I/1269, II/724, IV/803
[2] Schade: "Welzow und die Eisenbahn", Heimatverein Welzow e.V., Welzow 2001
[3] Schneider: "Neupetershainer Blätter", Ausgabe 1
[4] Jünemann, Preuß: "Schmalspurbahnen zwischen Spree und Neiße", Verlag transpress, Berlin 1985
[5] Gärtner: "Aus der Hoyerswerdaer Eisenbahngeschichte", Deutsche Bahn AG, Hoyerswerda 1998
[6] "Bahn-Extra", Heft 6/2005
[7] www.flugplatz-welzow.de