DHTML Menu By Milonic JavaScript



Eisenbahnen in Sachsen


Horka Nord - Priebus | Anschlussbahn Papierfabrik Klein Priebus
Kleinbahn Horka - Priebus
Vorgeschichte und Bau

Bereits Mitte des 19. Jahrhunderts bot sich für die Stadt Rothenburg in der Oberlausitz die Möglichkeit, einen Eisenbahnanschluss zu erhalten. Im Jahr 1863 begannen die Vorarbeiten für die Berlin-Görlitzer Eisenbahn, die westlich an Rothenburg vorbeiführen sollte. Bedenken des Rittergutsbesitzers Schade und einflussreicher Bürger der Stadt, die eine Abwanderung von Arbeitskräften fürchteten, verhinderten die angedachte Linienführung - wie sich zeigen sollte, eine folgenschwere Fehlentscheidung. Als sich die Rothenburger Stadtverordneten Ebel und Heidrich schließlich am 20.11.1864 in Berlin für eine Streckenführung entlang ihrer Stadt einsetzten, war es bereits zu spät: Das Projekt der neuen Hauptbahn nach Görlitz war unwiderruflich zu Gunsten von Uhsmannsdorf und Rietschen geändert worden. Beim Bau der Kohlfurt-Falkenberger Strecke 1871 lag Rothenburg erneut abseits des Schienenstrangs, da man Horka als Kreuzungsbahnhof mit der Berlin-Görlitzer Eisenbahn gewählt hatte. Rothenburg sollte über eine Pferdebahn angeschlossen werden. Trotz finanzieller Zugeständnisse der Stadt kam es aber nicht dazu.
Um 1890 erlebte das Gebiet um Rothenburg einen raschen wirtschaftlichen Aufschwung, wozu vor allem die holzverarbeitenden Fabriken entlang der Neiße beitrugen. Neben Rothenburg, das zu jener Zeit fast 52 000 Einwohner zählte, war auch die Kleinstadt Priebus auf dem östlichen Neißeufer an einer Bahnverbindung interessiert. Dort gründete sich am 06.07.1891 ein Eisenbahnkomitee, dem Bürger aus Rothenburg, Ritterguts- und Fabrikbesitzer angehörten. Am 07.04.1892 legten Graf Arnim von Muskau und der Herzog von Sagan den preußischen Regierungsvertretern eine Petition zum Bau der Strecke Hansdorf - Priebus - Rothenburg - Horka vor. Im Mai 1895 stimmte die Münchner "Localbahn A.G.", die zu dieser Zeit die Verbindung Hansdorf - Priebus baute, der Ausführung von Vorarbeiten für die Streckenverlängerung zu. Im Oktober des Jahres ging zunächst der Abschnitt Hansdorf - Priebus in Betrieb. Obwohl der Weiterbau bis Horka finanziell gesichert war - die Stadt Rothenburg stellte das benötigte Land kostenlos zur Verfügung - gab die Localbahn A.G. das Bauvorhaben im Juli 1899 auf.
Am 18.04.1900 erhielt die Berliner Fa. Freudenstein & Co. die Genehmigung für Vorarbeiten zur Kleinbahn Horka - Priebus. Da diese nur schleppend voran gingen, gründete man kurze Zeit später die Kleinbahn A.G. Horka-Rothenburg-Priebus. Der im Gesellschaftsvertrag als Gegenstand des Unternehmens u.a. aufgeführte Streckenbau Nieder Neundorf - Penzig - Lauban/Moys kam nie zustande. Die Konzession zur Errichtung der Strecke Horka - Priebus wurde hingegen am 26.01.1907 erteilt. Im Amtsblatt der Königl. Regierung zu Liegnitz vom 18.05.1907 hieß es dazu: »Zur Herstellung und zum Betriebe einer vollspurigen Kleinbahn von Horka über Rothenburg nach Priebus mit unmittelbarem Anschluß an die Eisenbahnstationen Horka und Priebus für die Beförderung von Personen und Gütern mittelst Dampfkraft wird der Aktiengesellschaft in Firma "Kleinbahn Horka-Rothenburg-Priebus, Aktiengesellschaft" auf Grund des Gesetzes über Kleinbahnen und Privatanschlußbahnen vom 28. Juli 1892 [...] auf die Zeitdauer von 90 Jahren, vom Tage nach der Betriebseröffnung der ganzen Strecke ab gerechnet, [...] hierdurch die Genehmigung erteilt.«
Das Anlagekapital, an dem sich auch das Königreich Preußen, die Provinz Schlesien und der Kreis Rothenburg beteiligten, betrug 1,26 Mio. Mark. Für den Bau und die spätere Betriebsführung nahm man Kontakt zur Fa. Lenz & Co. auf. Rothenburg erhielt ein architektonisch gelungenes Empfangsgebäude, das gleichzeitig Verwaltungssitz der Kleinbahngesellschaft war, und eine Lokstation. Die Neiße wurde auf einer fünfbogigen Betonbrücke überquert. [1],[2],[3],[4]

Betrieb

Die Eröffnung der Kleinbahn Horka - Priebus fand in mehreren Abschnitten statt. Zunächst nahm man am 15.12.1907 den Verkehr bis Lodenau auf, nach der Fertigstellung der Neißebrücke gelangten die Züge ab dem 30. Dezember bis Sänitz und das Reststück zum Kleinbahnhof in Priebus ging am 17.05.1908 in Betrieb.
Anfangs verkehrten täglich vier Zugpaare als GmP. Im Kleinbahnhof Horka und in Biehain bestanden Übergabegleise zur Staatsbahnstrecke Kohlfurt - Falkenberg. Der wirtschaftliche Aufschwung stellte sich leider nicht in der erhofften Form ein, die bestehenden Unternehmen profitierten aber von den besseren Absatzmöglichkeiten. Die Papierfabrik in Klein Priebus erhielt schon bei der Inbetriebnahme der Strecke ein längeres Anschlussgleis, das bei Buchwalde mit einem Gefälle von 1:50 ins Neißetal führte. Am 09.05.1925 bekam die Preßspanfabrik in Sänitz einen zweiten, direkten Gleisanschluss und im Jahr 1929 errichtete man in Rothenburg ein Hebegerüst für 4,5 t.
Von schweren Unglücksfällen blieb die Strecke in ihrer Betriebszeit verschont. Im Herbst 1930 machte ein Hochwasser das Streckengleis bei Horka unpassierbar, so dass die Kleinbahnzüge ausnahmsweise die Staatsbahngleise nutzen durften. Vom 05.12.1933 ist ein Unfall am Straßenübergang km 1,54 überliefert. Dabei stieß der Zug W 8 mit einem Lkw zusammen, wobei die Lokomotive und ein Personenwagen entgleisten. Der Lkw-Fahrer wurde im März des Folgejahres zu einer Geldstrafe von 100 RM verurteilt.
Im Mai 1937 kam es zur Umbenennung der Stationen Horka und Dobers-Leippa in Wehrkirch bzw. Selingersruh. Dies wurde 1948 wieder rückgängig gemacht.
Ende der 30er Jahre beklagte man sich über die "stiefmütterliche Verkehrsbedienung" von Rothenburg durch die Kleinbahn A.G. Der Landrat des Kreises Rothenburg bat sogar um die Übernahme der Kleinbahn in die Verwaltung des Reiches. Ein Schreiben der Deutschen Reichsbahn vom 24.04.1939 kritisiert: »Der Personenverkehr auf der Kleinbahn ist ganz gering. Die Kleinbahn legt augenscheinlich gar keinen Wert auf diesen Verkehr. Die von ihr gefahrenen, wenigen Züge haben in Wehrkirch schlechte Anschlüsse an die Züge der Reichsbahn. Aus diesem Grunde ist der Personenverkehr fast durchweg auf den Kraftwagen abgewandert. [...] Es wird kaum gelingen, diesen Verkehr für die Schiene zurückzugewinnen, da der Verkehr auf der Schiene das Umsteigen in Wehrkirch erforderlich macht und die Bevölkerung dieses Umsteigen als lästig empfindet. [...] Nach meinem Dafürhalten werden auch durch annehmbare Fahrplanverbesserungen durch die Kleinbahn weder Arbeiter noch Schulkinder für die Kleinbahn und die Reichsbahn gewonnen werden. Die Kleinbahn legt auf den Personenverkehr weniger Wert, weil nach ihren Erfahrungen die für die Züge aufzuwendenden Kosten durch die Einnahmen aus dem Personenverkehr nicht annähernd gedeckt werden, so daß dieser Verkehr bei seiner Erweiterung ein Zuschußbetrieb für die Kleinbahn wäre. [...]«
Im August 1939 beantragte man für das Bauvorhaben der Reichsautobahn Görlitz - Forst eine Entladestelle am km 13,7. Der Anschluss wurde zwar 1940 angelegt, aber nicht abgenommen, da der Autobahnbau über einige Erdarbeiten nicht hinaus gekommen war und eingestellt wurde. Noch im Herbst 1942 wurde der Kleinbahnhof Priebus Süd um ein Gleis zum Kohlebansen erweitert. Bei einer Streckenbereisung am 23.07.1943 stellte man nur kleinere Mängel an den Brandschutzstreifen und fehlende Weichenmerkzeichen fest.
Anfang Februar 1945 wurde sämtliches rollende Material der Kleinbahn, drei Tenderloks und acht Wagen, vor der näherrückenden Front in Richtung Westen evakuiert. Fahrzeuge und die etwa 70 Mann starke Belegschaft kamen bei der Aschersleben-Schneidlingen-Nienhagener Kleinbahn unter und halfen dort bis Kriegsende aus. [1],[2],[4],[7]

Stilllegung

In den letzten Wochen des Zweiten Weltkriegs fanden bei Rothenburg schwere Kämpfe statt, bei denen auch die Neißebrücke gesprengt wurde. Auf einen Wiederaufbau verzichtete man angesichts der veränderten Grenzführung. Ansonsten war die Strecke nur geringfügig beschädigt. Nach einer Bitte des Rothenburger Bürgermeisters vom 30.07.1945 kehrten Personal und Fahrzeuge im August des Jahres wieder an die Neiße zurück. Am 18.09.1947 richtete die Lenz & Co. G.m.b.H. am km 15,0 einen Haltepunkt ein, um den Bewohnern des Ortes Steinbach den 4 km langen Fußmarsch nach Lodenau zu ersparen. Angelegt wurde ein 35 m langer Bahnsteig mit einer geschlossenen Wartehalle aus Holz. Zur Namensgebung der Station existiert ein Schreiben vom 30.01.1947: »Der Haltepunkt ist mit Rücksicht auf die augenblickliche Grenzziehung nur als eine vorläufige Einrichtung gedacht. Wenn durch den kommenden Friedensvertrag die Grenze weiter östlich gelegt werden sollte, und die Bahn in ihrer vollen Länge in Betrieb genommen werden kann, beabsichtigen wir, den Haltepunkt wieder aufzuheben. [...] Um den Charakter des Provisoriums darzutun, halten wir es für besser, von einer besonderen Namensgebung abzusehen, da u.E. keine Bedenken bestehen dürften, es bei der Bezeichnung "km 15,0" zu belassen.«
Doch bekanntlich kam es anders, so dass der Haltepunkt einige Zeit später den Namen "Steinbach" und 1954 den Zusatz "(Kr Niesky)" erhielt. Mangels einer Umsetzmöglichkeit für die Lokomotive mussten die Züge ab Lodenau geschoben werden. Das Gleisstück bis zur Neißebrücke wurde abgebaut.
Der 1953/54 für die sowjetischen Fliegerkräfte angelegte und später durch die NVA genutzte Militärflugplatz Rothenburg besaß zwei Anschlussgleise für Treibstoff- und Materiallieferungen.
Kaum Fakten gibt es zum weiteren Schicksal des Streckenteils östlich der Neiße. Nach 1945 kilometrierte man das Gleis in Fortsetzung der Strecke Hansdorf - Priebus neu. Bis auf das Empfangsgebäude der Staatsbahn im Anschlussbahnhof Priebus existieren heute keine Hochbauten. Von der Papierfabrik Klein Priebus hat einzig das 1916 erbaute Stahlbetonwehr an der Neiße die Jahrzehnte überdauert. Die Station Buchwalde wurde nach Kriegsende nicht mehr bedient. Der Personenverkehr Wiesau - Priebus - Sänitz (Wymiarki - Przewóz - Sanice) ist wahrscheinlich zum Fahrplanwechsel Ende Mai 1981 eingestellt worden. Zuletzt verkehrte täglich nur ein Zugpaar in den frühen Morgenstunden.
Ohne vorherige Enteignung übernahm die Deutsche Reichsbahn am 01.04.1949 die Betriebsführung auf der Strecke. Anfang der 50er Jahre erhielt die Lodenauer Pappenfabrik einen direkten Gleisanschluss. Der schienengebundene Personenverkehr zwischen Horka und Steinbach endete, wenn man den Kursbüchern glauben darf, am 01.06.1958. Die Strecke existierte formal noch bis zum 27.05.1967 in Form eines SEV-Fahrplans. Als ein Tarifausgleich mit dem VEB Kraftverkehr gefunden wurde, bekam dieser die Beförderung der Reisenden übertragen. Zum Jahresende 1967 wandelte man das Gleis in eine Anschlussbahn um, auf der täglich drei Güterzugpaare verkehrten. Der Abschnitt nördlich von Lodenau war entbehrlich geworden und wurde ab 1970 abgebaut.
Die Vorhaltung der Strecke als Umgehungsbahn der Neißequerung Bad Muskau führte 1987 zum Wiederaufbau des Abschnittes Lodenau - Neißebrücke. In Höhe des Hp Steinbach wurde ein Vormontageplatz für das militärische Brückengerät angelegt, der über ein kurzes Anschlussgleis verfügte. Die Widerlager des zerstörten Bauwerks erhielten neue Auflagerbänke aus Beton. Ein Bilddokument vom Herbst 1988 belegt den Bau einer Behelfsbrücke REM-500 durch NVA und Sowjetarmee. Noch bis zum 22.04.1993 war die Strecke in betriebsfähigem Zustand.
Anlässlich des jährlichen Rothenburger Sommerfestes verkehrten in den 90er Jahren wieder Personenzüge auf der ehemaligen Kleinbahnstrecke. Im Jahr 2004 mussten die Pfeilerreste der Neißebrücke einem Bauvorhaben weichen. [1],[2],[4],[5]

Mediathek
Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11230 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Abgabe Cottbus, Signaturen IV/177, IV/182, IV/184, IV/188, IV/639
[2] Kuhlmann: "Eisenbahnen über die Oder-Neiße-Grenze", Ritzau KG, Pürgen 2004
[3] Henke: "Rothenburger Lesebuch", Bad Homburg 1994
[4] Rammelt: "Archiv deutscher Klein- und Privatbahnen - Thüringen/Sachsen", Berlin 1994
[5] Bley: "DDR-Reichsbahn und Vorbereitung", VBN Verlag Bernd Neddermeyer, Berlin 2017
[6] http://www.bazakolejowa.pl
[7] Informationen von J. Merte