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Eisenbahnen in Sachsen


Abzw Plattenthal — Königswalde (Erzgeb) unt Bf
Vorgeschichte und Bau

Erste Gedanken zu einer Bahn durch das Pöhlbachtal existierten bereits 1861, vor Inbetriebnahme der Strecke Annaberg - Flöha. Ende des 19. Jahrhunderts gab es konkrete Pläne für eine 750 mm-Schmalspurbahn von Königswalde nach Wiesenbad. Die Strecke sollte ca. zehn Kilometer lang sein und 760 000 Mark kosten. Ein Gesuch der Anliegergemeinden vom 29.11.1911 wurde schließlich von der Staatsregierung berücksichtigt, nachdem zuvor das Projekt Wolkenstein - Bärenstein gescheitert war. Der mit 165 000 Mark veranschlagte Bau eines Industriegleises nach Plattenthal wurde am 15.12.1912 genehmigt.
Die Geschichte der kaum bekannten Nebenbahn im Erzgebirge begann mit dem ersten Spatenstich am 29.05.1913. Nach einem knappen Jahr, am 01.05.1914, konnte die kurvenreich mit einem Mindestradius von 173 m trassierte 1,93 km lange Strecke zwischen Abzweig und Ladestelle Plattenthal eröffnet werden. Die größte Steigung betrug 1:50.
Die notwendigen Mittel für die Fortführung der Strecke nach Königswalde in Höhe von 750 000 M wurden mit dem Dekret Nr. 14 vom 13.12.1915 bewilligt und standen im Etat 1916/17 bereit, der kriegsbedingte Arbeitskräftemangel behinderte jedoch die Umsetzung. Nach einer Verordnung vom 30.01.1919 wurde der Bahnbau schließlich als Notstandsarbeit fortgesetzt, wofür eigens das Neubauamt Annaberg (Erzgeb) eingerichtet wurde. Am 13. Juni des Jahres erfolgte der erste Spatenstich für den Weiterbau. In einem Beschluss vom 13.06.1921 heißt es: »Da es nicht ausgeschlossen ist, daß für die Plattenthalbahn Unterstützung aus der Erwerbslosenfürsorge an die R.E.B.V. [Anm.: Reichseisenbahnverwaltung] gezahlt wird, müßten weitere Arbeiten vorbereitet werden. [...] Ferner ist zu erörtern, ob auch die Ausschreibung der Oberbauarbeiten bis Geyersdorf vorzubereiten wäre, da 1922 auch nur Material erhalten werden kann. [...]«
Ein Bericht vom 18.03.1922 vermeldet: »Mit Beschluß vom 23.4.21 zu Nr. III D VI 733 wurde bestimmt, daß die Plattentalbahn nicht bis Königswalde, sondern nur bis Geyersdorf fertiggestellt werden solle, vor allem wegen des teueren Oberbaues.«
Die Bauarbeiten am Streckenabschnitt Plattenthal - Geyersdorf-Mildenau fanden mit dessen Eröffnung am 15.11.1923 (Eröffnungszug 9687) ihren Abschluss, bis Königswalde hatte man lediglich das Planum fertigstellen können. Die Streckenbezeichnung änderte sich - in Erwartung der baldigen Fortsetzung nach Königswalde - von WP zu WKw.
Der Beschluss zum Weiterbau fiel am 13.07.1927 seitens der Deutschen Reichsbahn-Gesellschaft. Nach einer Zahlung von 80 000 RM durch den Freistaat Sachsen an die D.R.G. begann die Fa. Robert Berndt Söhne im Januar 1928 mit den Arbeiten. So erreichte das Gleis doch noch Königswalde. Im amtlichen Nachrichtenblatt der D.R.G. heißt es dazu: »Am 15. Mai 1928 wurde die 3,49 km lange Industriebahn Geyersdorf-Mildenau - Königswalde (Erzgebirge) unterer Bahnhof als Reststrecke der eingleisigen Nebenbahn Wiesenbad - Königswalde (Erzgebirge) unterer Bahnhof (RBD Dresden), der sogenannten Plattentalbahn, in Betrieb genommen. Der Bahnbau [...] wurde mit einem vom Lande Sachsen gegebenen Darlehen und einem verlorenen Zuschuß der Interessenten fertiggestellt. Die Bahn erschließt das erwerbstätige Gelände zwischen Annaberg und Königswalde und verbessert hierdurch die zum Teil schwierigen Verkehrsverhältnisse des hochgelegenen Gebietes.« [1],[2],[6],[8]

Betrieb und Stilllegung

Die als reine Industriebahn konzipierte Strecke erlangte aufgrund ihrer späten Inbetriebnahme nie eine wirtschaftliche Bedeutung, da oberhalb von Plattenthal jegliche Industrie fehlte, die ihr zu Rentabilität verholfen hätte. Die angedachte Weiterführung durch das obere Pöhlbachtal bis Bärenstein oder Weipert (ca. 8,5 km) hätte eine Aufwertung gebracht. Durch die östliche Umgehung von Annaberg-Buchholz wäre eine Fahrwegverkürzung zwischen Flöha und Komotau von ca. 12 km entstanden. Jedoch blieb es beim Projekt.
Mit der Eröffnung des Abschnittes nach Geyersdorf entfiel die Ladestelle Plattenthal. In Geyersdorf-Mildenau bestand die bescheidene Stationsausstattung lediglich aus einigen Wagenkästen.
Größere Betriebsunfälle in der Anfangszeit der Bahn ereigneten sich am 27.12.1926, als bei Plattenthal ein Zug entgleiste und am 05.07.1928, als sich eine abgestellte Wagengruppe selbstständig machte und im Gelände der Papierfabrik mit einem rangierenden Güterzug zusammenstieß.
Mit der Eröffnung der Gesamtstrecke 1928 besaß der langgestreckte Ort Königswalde zwei Bahnhöfe, wobei der bedeutend zentraler gelegene untere Bahnhof vorerst ausschließlich dem Güterverkehr diente. Die Reisenden mussten weiterhin den beschwerlichen Weg zur 190 Meter höher gelegenen oberen Station antreten. Im "Amtsblatt der Reichsbahndirektion Dresden" vom 08.01.1938 heißt es endlich: »Am 10. Januar 1938 wird auf der eingleisigen 7,70 km langen, z. Z. nur mit Güterzügen befahrenen vollspurigen Reichsbahnstrecke Wiesenbad - Königswalde (Erzgeb) unt Bf der Personenverkehr - ohne Gepäck- und Expreßgutverkehr - eingerichtet und der an dieser Strecke neu errichtete unbesetzte Hp "Plattenthal" eröffnet. [...]«
In eine Kursbuchtabelle hielt die Strecke nie Einzug und zu Kriegsende wurde die Personenbeförderung wieder eingestellt.
Im Februar 1948 errichtete die BHG ein Lagergebäude in Geyersdorf-Mildenau. Zwischen Juni 1948 und Dezember 1951 brachte der Talsperrenbau in Cranzahl einen enormen Zuwachs im Güterverkehr auf der WKw-Linie. In der Grube der Wiesenbader Ziegelei gewann man die zum Abdichten des Dammes benötigte Lehmerde. Täglich rollten 28 Wagenladungen davon durch das Pöhlbachtal.

Der nahende Abschluss des Talsperrenbaus leitete zugleich das Ende der Plattentalbahn ein. Am 10.04.1951 erging folgende Weisung der Reichsbahndirektion Dresden: »Mit dem Abbau der Streckenabschnitte a) Geyersdorf-Mildenau - Königswalde unt Bf von km 4,530 bis km 7,790 der Strecke Wiesenbad - Königswalde unt Bf [...] ist unbedingt am 13.4.1951 zu beginnen und bis 23.4.1951 zu beenden.«
Tatsächlich war der Rückbau schon am 19. April abgeschlossen. Die Bemühungen der Gemeinde Königswalde um einen Wiederaufbau in den Jahren 1956/57 blieben erfolglos. Geyersdorf-Mildenau wurde am 14.06.1971 letztmalig bedient, die Verfügung zum Rückbau erging am 18.01.1972. Die Strecke endete nunmehr am km 2,411. Das verbliebene bahnhofslose Stück wurde somit zur Anschlussbahn degradiert, die bis Mitte der 90er Jahre noch Güterverkehr aufwies. Zum Umschlag von Betonelementen für den Wohnungsbau wurde 1972 eine Anlage in Plattenthal errichtet, wofür das Anschlussgleis der ehem. Papierfabrik weichen musste. Die letzten Fahrten auf der Strecke bestritten wenige Züge zum Leichtbauplattenwerk und zwei Sonderzüge: am 02.05.1991 ein Foto-Güterzug mit 50 3616 und am 25.11.1995 der VT 772 152 mit den Mitgliedern der "Interessengemeinschaft zur Bereisung von Straßenbahn- und Eisenbahnstrecken e.V." (IBSE).
Am km 1,1 befand sich eine niveaugleiche Kreuzung mit der Feldbahn der Ziegelei Wiesenbad. Diese war werkseitig durch eine Schutzweiche im Feldbahngleis gesichert, die über eine Schlüsselanlage mit zwei schwenkbaren Sh 2-Scheiben am Regelspurgleis verknüpft war. In den letzten Betriebsjahren erfolgte ein Umbau der Kreuzung von 45° auf 90°. Im Anschlussgleis der Ziegelei standen seit dem 08.09.1995 zwei SKL und mehrere Wagen der ehem. "Baumechanik Radebeul", die sich in Privatbesitz befanden.
Im Juni 2002 wurde die Abzweigweiche bei Wiesenbad ausgebaut. Interessant ist, dass die Strecke formal in Wiesenbad begann, obwohl durch die Lage der Abzweigweiche keine direkte Fahrt nach Königswalde möglich war. Auch die im Mai 2002 noch zahlreich vorhandenen Hektometersteine (3, 4, 5, 6, 7, 8, 9, 11, 13, 15, 16, 17, 28, 29, 46, 47, 53, 63) weisen auf den km 0,0 am Abzweig hin. [1],[2],[3],[4],[5],[7],[8]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11228 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Signatur 36201
[2] Häupel: "Abzw Plattenthal - Königswalde (Erzgeb) unt Bf" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[3] Nicklaus, Schreiter: "Zwischen Gelenau und Oberwiesenthal, Elterlein und Jöhstadt", Marienberg 1994
[4] Bergelt: "Eisenbahngeschichten zwischen Chemnitz und Weipert", Bildverlag Böttger, Witzschdorf 2002
[5] Grund: "Abzweig Plattenthal - Königswalde unt Bf" in "Der Preßīkurier", Heft 4/2004
[6] "Die Reichsbahn", Heft 19/1930
[7] "Modelleisenbahner", Heft 6/1987
[8] "Glückauf", Heft ?/1995