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Eisenbahnen in Sachsen


Mittweida - Dreiwerden | Mittweida Industriebf - Ringethal
Industriebahn Mittweida / Erzbahn Schönborn - Dreiwerden
Vorgeschichte und Bau

Ebenso wie im Zschopautal bei Waldheim hatten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts auch bei Mittweida zahlreiche Industriebetriebe angesiedelt, die die Wasserkraft des Flusses nutzten. Der Bahnhof der Stadt lag jedoch weit oberhalb des Talgrundes. Nach dem Scheitern des Projekts einer Zschopautalbahn erhielt Waldheim 1896 eine Stichstrecke zur Güterabfuhr aus dem Tal, die auf die private Initiative der Fabrikanten zurückging. In Mittweida musste man mangels Interesse der Staatseisenbahnverwaltung am Bau einer Industriebahn einen ähnlichen Weg beschreiten: Die potenziellen Nutzer der Bahn und der Bürgermeister der Stadt Mittweida schlossen sich unter Leitung des Dresdner Rechtsanwalts Dr. Lötzsch zur späteren "Sächsischen Industriebahnen-Gesellschaft A.G." zusammen, um den Bau der Strecke auf eigene Kosten ausführen zu lassen.
Eine im Juli 1904 zeitgleich mit einem Gesuch der umliegenden Gemeinden eingereichte Petition wurde bewilligt und am 06.02.1905 die Konzession zum Bau und Betrieb einer privaten Güterbahn von Mittweida nach Dreiwerden und Ringethal erteilt. Pläne einer Fortführung der Strecke von Dreiwerden durch das Zschopautal zur Strecke Roßwein - Niederwiesa zwischen Gunnersdorf und Braunsdorf wurden, obwohl die Regierung den Bau genehmigte, aus Rentabilitätsgründen nicht realisiert.
Der Bau der Strecke Mittweida - Dreiwerden unter Leitung der Fa. Havestadt & Contag aus Berlin-Wilmersdorf begann am 23.10.1905. Eine 600-mm-spurige Feldbahn erleichterte die umfangreichen Erdarbeiten. Der Oberbau wurde ausgehend vom Staatsbahnhof verlegt und zeitgleich die Brücken und Hochbauten auf den Verkehrsstellen errichtet. Dabei war man um Sparsamkeit bestrebt und bat fragte bei der Staatsbahnverwaltung an, ob altbrauchbares Schienenmaterial und ausgemusterte Brückenüberbauten vorhanden wären.
Am 03.09.1906 fanden die Belastungsproben der Brücken statt. Nach Fertigstellung der Strecke Ende September 1906 erfolgte am 11.10.1906 die erste "Schleppfahrt" nach Dreiwerden. Tags darauf wurde der Güterverkehr eröffnet - vorerst noch als nicht-öffentliches Anschlussgleis für den Bau der Papierfabrik und zur Bedienung der Baumwollspinnerei. Beim abschließenden Festessen auf Kosten der Industriebahnen-Gesellschaft waren Vertreter der A.G., der Stadt Mittweida, der Eisenbahndirektion und der Amtshauptmannschaft zugegen. Die feierliche Inbetriebnahme für den öffentlichen Verkehr fand am 15.05.1907 statt. Ab diesem Tag erhielt die zunächst als Ladestelle Neudörfchen bezeichnete Station im Zschopautal die Bezeichnung "Mittweida Ladestelle".

Der topografisch schwierige Bau des Streckenastes nach Ringethal wurde am 07.10.1907 in Angriff genommen. Die Führung entlang des östlichen Zschopauufers ermöglichte zwar den Anschluss zahlreicher Steinbruchbetriebe, machte jedoch eine aufwändige Flussüberquerung erforderlich und verhinderte die Weiterführung der Strecke nach Weißthal. Für die Anlage des Planums mussten Felsmassen beseitigt und am nahen Zschopauufer Stützbauwerke errichtet werden. Das "Mittweidaer Tageblatt" berichtete hierzu am 06.06.1908: »Der Weiterbau der Industriebahn nach dem Zschopautale macht erfreuliche Fortschritte. Das schwierigste Stück Arbeit ist noch in der Nähe der künftigen Endstation Ringethal zu bewältigen, wo umfangreiche Felssprengungen vorgenommen werden müssen. So waren gestern Abend die Städtischen Kollegien, welche wegen Errichtung des Elektrizitätswerkes im Zschopautale eine Terrainbesichtigung vorgenommen hatten, Augenzeugen einer großen Sprengung. In Frage kam hierfür eine Felsmasse von ca. 500 Kubikmeter. Sieben Schüsse sollten den gewaltigen Koloss zum Bersten bringen. Durch sieben 2,50 bis 3 Meter tiefe Bohrlöcher waren 5 Kilogramm -Fulmenit- in das Gestein eingeführt worden. [...] Kurz vor 6 Uhr abends waren alle Vorbereitungen getroffen, der Sprengmeister entzündete die Schnuren und ein Trompetensignal wies die in der näheren Umgebung des Felsens beschäftigten Leute an, sich zurückzuziehen. [...] Etwa vier Minuten waren nach dem Trompetensignal vergangen, als die Schüsse das Tal durchdröhnten, der Fels bebte und gewaltige Steinmengen wurden über den gerade dort breiten Fluss geschleudert. Gleichzeitig lagerte sich eine dichte Staubwolke über das Wasser. Die Sprengwirkung war die erwartete, der Fels zeigte viele Risse und das Abtragen der Steinmassen kann nun vor sich gehen.«
Den Oberbau stellten die Firmen C. Wunder aus Breslau und Gerstenberger & Döhler aus Dresden her. Die Aufträge zur Errichtung der Hochbauten wurden an ortsansässige Bauunternehmer vergeben. Die Arbeiten konnten im Dezember 1908 abgeschlossen werden, der Streckenteil wurde jedoch erst am 25.01.1909 für den öffentlichen Güterverkehr in Betrieb genommen. Die Gesamtbaukosten lagen bei 2,3 Mio. Mark.
Am 10.08.1909 ging im Zschopautal das Mittweidaer Kraftwerk in der Nähe der gleichnamigen Güterstation in Betrieb. [2],[3],[4],[5],[6]

Betrieb und Stilllegung

Der sich entwickelnde lebhafte Güterverkehr erbrachte den Betreibern der Strecke ansehnliche Gewinne. Die individuell und recht hoch angesetzten Frachttarife jedoch mehrten um 1912 die Bestrebungen einiger Fabrikbesitzer und der Stadt, die Bahn in Staatsbesitz zu überführen. Die Verstaatlichung ließ aber noch fast vier Jahrzehnte auf sich warten.
Während des Zweiten Weltkriegs lagerten die Berliner Lorenzwerke einen Teil ihrer Funkgerätefertigung in die Baumwollspinnerei aus. Zwischen dem 02.11.1942 und 13.04.1945 wurde für die Beschäftigten ein nicht-öffentlicher Personenverkehr zum Industriebahnhof eingerichtet. Die Bahn selbst überstand den Krieg unbeschadet und wurde offiziell zum 01.01.1949 in das Volkseigentum überführt. Am Betriebsablauf änderte dies nichts, da nach wie vor die Deutsche Reichsbahn alle Fahrten durchführte.
Am 14.11.1949 kam es zur Wiederaufnahme des Personenverkehrs zum Industriebahnhof - diesmal öffentlich und mit eigener Kursbuchtabelle. Die drei werktäglichen Zugpaare richteten sich dabei nach dem Schichtbetrieb der Fabriken. An der Chemnitzer Straße in Mittweida wurde ein Bahnsteig aufgeschüttet und ein unbesetzter Haltepunkt eingerichtet. Dieser wurde im August 1953 zusammen mit seiner Namensgeberin noch umbenannt, bevor der Personenverkehr am 02.10.1955 endgültig eingestellt wurde.
Mitte der sechziger Jahre wurden umfangreiche Baumaßnahmen im Industriebahnhof durchgeführt. Man erneuerte die verschlissenen Gleisanlagen der Anschließer und am östlichen Bahnhofsende entstand ein Werklokschuppen. Die Waldbachbrücke in Dreiwerden wurde im Mai/Juni 1965 als Ersatz der verschlissenen alten Konstruktion durch die Dresdner Fa. Hünich & Löwe ersetzt.

Das rückläufige Güteraufkommen, die Gefahr von Felsstürzen und der schlechte Oberbau im Abschnitt nach Ringethal führten dazu, dass am 31.08.1969 der letzte Übergabezug verkehrte. Die Stillegung erfolgte offiziell zum 23.06.1970 und der Gleisrückbau ab Mittweida Kraftwerk durch die Bahnmeisterei Karl-Marx-Stadt-Hilbersdorf. Bis zum 31.10.1973 wurde der verbliebene Streckenast noch gelegentlich bedient, die MRl-Linie offiziell zum 01.01.1974 stillgelegt und zwischen November 1974 und Oktober 1975 durch NVA-Soldaten, die FDJ-Ortsleitung und die Bahnmeisterei abgebaut.
Die Güterabfertigungsstelle Dreiwerden war noch bis zum 26.09.1965 besetzt. Am 30.09.1971 wurde der Abschnitt Mittweida - Mittweida Industriebf in ein Nebengleis des Bahnhofs Mittweida umgewandelt. Der Abschnitt Mittweida Industriebf - Dreiwerden wurde am 18.03.1992 stillgelegt. Die Papierfabrik stellte ein Jahr darauf ihre Produktion ein und wurde bis 1996 demontiert. Das Dienstgebäude des Industriebahnhofs - baugleich mit jenen in Dreiwerden und Ringethal - riss im Herbst 1993 die Hochbaumeisterei Chemnitz ab. Nachdem bis Mitte 1994 vereinzelte Rangierfahrten stattfanden, begann Ende 1995 die Demontage der Gleisanlagen. Noch am 23.03.1996 rumpelte der VT 772 062 mit den Mitgliedern der "Interessengemeinschaft zur Bereisung von Straßenbahn- und Eisenbahnstrecken e.V." (IBSE) bis Dreiwerden. Die letzte Fahrt auf der MD-Strecke, bei der der Anschl Schrotthandel bedient wurde, fand am 30.06.1997 statt. Das Streckengleis wurde schließlich am 22.12.1997 um 11.55 Uhr für den Verkehr gesperrt.
Den Rückbau zwischen km 2,6 und 5,2 besorgten zum Jahreswechsel 2000/2001 Mitglieder des Feldbahnvereins Ottendorf. Ende April 2001 wich in der derzeit letzten Abbauaktion das Gleis vom km 2,3 bis 2,6.
Nach dem verheerenden Hochwasser im August 2002 wurde die zerstörte Zschopautalstraße zwischen Mittweida und Dreiwerden umfangreich ausgebaut. Dabei fiel auch die Eisenbahntrasse mit der Bachbrücke in Dreiwerden der Straßenverbreiterung zum Opfer. [2],[3],[4],[5],[6],[8]

Erzbahn Schönborn-Dreiwerden

Das Streckenende der Industriebahn in Dreiwerden - ein Ausziehgleis auf dem späteren Kohlenlagerplatz der Papierfabrik - befand sich dort, wo bis 1885 eine schmalspurige Förderbahn Silbererz zur Erzwäsche transportierte. Die Strecke entstand bereits 1858/59 mit der Auffahrung des "Alte Hoffnung Erbstolln" in einem schluchtartigen Seitental der Zschopau bei Schönborn. Die Flussschleife bot hier ideale Bedingungen für die Wasserkraftnutzung zum Betrieb des Bergwerks.
In aufwändiger Trassierung mit engen Bögen, Felsanschnitten, Stützmauern und einem kleinen Felstunnel verlief das Gleis oberhalb der Zschopau.

Im Jahr 1998 begann der Verein "Förderkreis für den historischen Bergbau im mittleren Zschopautal" mit der Sanierung der verfallenen Erzbahntrasse, verlegte wieder Gleise zwischen Dreiwerden und Schönborn und errichtete zwei Bahnhöfe nebst einem schmucken Lokschuppen. Seit April 2004 verkehren zu den Öffnungszeiten des Besucherbergwerks Züge. Perspektivisch soll auch in den Stollen eingefahren werden. [9]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Abgabe vom 01.06.1992, Signaturen 247/2, 247/3
[2] Häupel: "Mittweida-Dreiwerden-Ringethaler Eisenbahn" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[3] Autorenkollektiv: "150 Jahre Eisenbahnstrecke Riesa - Chemnitz", Dresden 2002
[4] Rammelt: "Archiv deutscher Klein- und Privatbahnen - Thüringen/Sachsen", Berlin 1994
[5] Preuß: "Hauptbahn Riesa - Chemnitz Hbf" aus "Streckenarchiv Deutsche Eisenbahnen", Sammelwerk EK-Verlag
[6] Hähner, Rauner: "Die Industriebahn Mittweida", Verlag H & R Publikation, Merzdorf 2005
[7] "60 Jahre F. E. Weidenmüller A.G."
[8] www.ibse.de
[8] www.erzbahn.org