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Eisenbahnen in Sachsen


Awanst Seidau - Seidau (Spreetalbahn)
Spreetalbahn
Vorgeschichte und Bau

Um 1510 entstanden die ersten Papiermühlen im Spreetal bei Bautzen. Die nach und nach aufgebauten Werke wurden 1871 als "Vereinigte Bautzner Papierfabriken A.G." zusammengefasst. Die bedeutendste Produktionsstätte befand sich nördlich der Stadt Bautzen in Flur Seidau. Ein Gleisanschluss zum Bautzner Güterbahnhof war Ende des 19. Jahrhunderts unverzichtbar geworden, aufgrund der schwierigen Topografie aber nicht auf direktem Wege realisierbar.
Im Spreetal befand sich außerdem das 1858 erbaute Gaswerk der Stadt, das ebenfalls von einem Gleisanschluss profitiert hätte. Mit den Vorarbeiten zur Nebenbahn Bautzen - Königswartha und deren Fertigstellung Ende 1890 bot sich die Möglichkeit, ein regelspuriges Zweiggleis vom Haltepunkt Seidau aus in das Spreetal zu führen.
Am 30.04.1889 trafen die Interessenten der Zweigbahn eine Vereinbarung über die Bereitstellung der mit 212 000 M veranschlagten Kosten. Das Baukapital sollte wie folgt aufgebracht werden:
     Vereinigte Bautzner Papierfabriken      110 000 M
     Kupferhammer und Ziegelei Reinhardt      36 000 M
     Schleifmühle Lehmann                     36 000 M
     Stadtgemeinde Bautzen                    30 000 M
Der Inhaber der Schleifmühle Lehmann verstarb allerdings am 30.08.1890 und die Erben verzichteten auf den eigenen Anschluss, der sogar eine Brücke über die Spree erfordert hätte. Im gleichen Monat reichte Graf zur Lippe auf Teichnitz einen Widerspruch gegen die Trassierung in Flur Teichnitz ein.
Ungeachtet dessen begannen am 24.07.1891 die Vorarbeiten. Die Entwürfe für die öffentliche Ladestelle in Seidau und die Übergabegleise am Kupferhammer wurden am 26. November des Jahres genehmigt. Ein Vertrag vom 22.03.1892 charakterisiert die Strecke wie folgt: »Zur Herstellung einer Eisenbahn-Verbindung zwischen den im Spreethale bei Bautzen befindlichen industriellen Anlagen und der Staatseisenbahn-Linie Bautzen - Königswartha wird von Baustation 15+94,3 (Betriebsstation 35+92,7) der letzteren [...] eine 2,3 km lange normalspurige Flügelbahn mit Zweiggleisanschlüssen für den Kupferhammer und die Ziegelei des Herrn Reinhardt und die Bautzener städtische Gasanstalt, sowie mit besonderer Gleisanlage im Fabrikhof der Bautzener Papierfabrik gebaut [...]«
Die Papierfabrik leistete eine Vorauszahlung in Höhe von 60 000 M und hinterlegte für die restlichen Baukosten 65 000 M in einer 3,5%igen Reichsanleihe. Bis Station 14+25,0 entstand die Strecke auf Staatskosten. Die Straßenüberführung des Temritzer Weges bestand aus einem 14 m spannenden, 7,6 m hohen Betonbogen (Kosten 6 994 M, nach 1990 Neubau). Der öffentliche Güterverkehr endete an der Ladestelle Seidau.
Im Juni 1892 begannen die Arbeiten. Die Bischofswerdaer Fa. Günther errichtete die wenigen Hochbauten und die drei erforderlichen Brücken im Privatanschluss. Die Spreebrücke war mit drei eisernen Überbauten von je 14 m Länge das größte Bauwerk der Strecke. Die 8 m lange Brücke über die Teichnitzer Straße kostete 10 339 M. Am 24.08.1892 genehmigte man die Aufstellung eines Güterschuppens auf der Ladestelle. Die Baukosten für das Privatgleis zwischen Stat. 14+25 und 22+90 beliefen sich auf 131 112 M. [1],[3]

Betrieb und Stilllegung

Die Zweigbahn konnte am 19.06.1893 für den Güterverkehr eröffnet werden. Die Bezeichnung "Spreetalbahn" lässt vermuten, dass eine Weiterführung durch das Spreetal geplant war. Dazu finden sich aber an keiner Stelle Hinweise. Eindeutiger ist das Staatsbahn-Kürzel BKP, in dem BK für die Stammstrecke Bautzen - Königswartha und das P für die Papierfabrik steht.
Für den Hauptanschließer verkehrten täglich zwei Güterzüge. Die zu über 60 % in einer Steigung von 1:35 liegende Strecke verlangte den eingesetzten Maschinen einiges ab. Leider existieren aus der Betriebszeit dieser interessanten Nebenbahn kaum Fotos.
Zu einer ersten Erweiterung kam es 1904, als gegenüber dem Gaswerk (dessen Anschluss über Drehweichen verfügte) ein Elektrizitätswerk in Betrieb ging. Die Werksgebäude der Papierfabrik in ihrem heutigen Aussehen entstanden im Jahr 1911. Am Übergang der Hoyerswerdaer Straße ließ sich eine Ziegelei nieder, die einen Anschluss mit Laderampe erhielt. Für wenige Meter lag das Streckengleis hier horizontal.
Die Eingemeindung des Dorfes Seidau nach Bautzen im Jahr 1922 hatte keine Auswirkungen auf die Stationsbezeichnung. Der Bau der Reichsautobahn machte 1938 die Überbrückung des Taleinschnittes an der Ladestelle Seidau erforderlich (Brücke 1996 erneuert). Die Werkgrabenbrücke in der Papierfabrik wurde vermutlich in jenen Jahren verfüllt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg nutzte das VEB Betonwerk Bautzen die Räumlichkeiten der als Reparationsleistung demontierten Papierfabrik. Ab dem 01.12.1951 war die Ldst Seidau (Spreetalbahn) unbesetzt, um 1960 erklärte man den Streckenabzweig zur Ausweichanschlussstelle.
Mit der Stilllegung des Gaswerkes verlor die Strecke 1972 einen wichtigen Güterkunden, doch der eigentliche Niedergang kam erst nach 1990: am 10.01.1994 stellte die DB den Betrieb auf der Spreetalbahn ein. Der Einzug der Stahl- und Behälterbau Bautzen GmbH in die frühere Papierfabrik im Jahr 1997 fand noch mit vorhandenem, wenn auch stillgelegtem Gleisanschluss statt.
Vom 18. bis 20.09.1998 kam es zu einmaligen Sonderfahrten zwischen Bautzen und dem Spreetal. Anlässlich einer Präsentation des neuen LVT/S-Triebwagens der Bautzener DWA GmbH pendelte dieser mehrmals täglich zwischen dem Bahnhof Bautzen und einem provisorischen Haltepunkt am Gaswerksgelände.
Mit dem Abbau der Strecke Bautzen - Königswartha verschwanden auch die Reste der Awanst Seidau. [1],[3],[4]

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Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11230 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Abgabe Cottbus, Signaturen I/2611, I/2614, I/2615, II/289
[2] Nagel: "Bedienungsanweisungen für die Anschlußbahnen innerhalb der Ausweichanschlußstelle Spreetalbahn", Technikerarbeit 1965
[3] Giebelhäuser: "100 Jahre Spreetalflügelbahn", Bautzen 1998
[4] Preuß: "Seidau - Seidau Ladestelle (Spreetalbahn)" aus "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", Sammelwerk GeraNova-Verlag
[5] v. Polenz: "Eisenbahnen im Bautzener Land", Verein Ostsächsische Eisenbahnfreunde e.V., Löbau 2006