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Eisenbahnen in Sachsen


Berthelsdorf (Erzgeb) - Großhartmannsdorf | Brand-Erbisdorf - Langenau (Sachs)
Vorgeschichte und Bau

Seit 1876 erschloss die Eisenbahnstrecke Freiberg - Bienenmühle das Muldental südlich von Freiberg. Für die Stadt Brand-Erbisdorf und die umliegenden Gemeinden brachte der Schienenstrang im Tal jedoch kaum Vorteile, da die Ortschaften weit entfernt im bergigen Hinterland lagen.
Im November 1881 beantragten deshalb die Interessenten eines Eisenbahnanschlusses beim sächsischen Landtag den Bau einer Strecke Berthelsdorf - Eppendorf über Brand, Langenau und Großhartmannsdorf. Damit wäre der Grundstein für eine Verbindung von Mulden- und Flöhatalbahn südlich der DW-Linie gelegt worden. Für eine derartige Trassierung sprachen vor allem der lukrative Bergbau um Freiberg und die Industrie in Eppendorf.
Erst sechs Jahre später, am 22.12.1887, genehmigte der Landtag die Ausführung von regelspurigen Sekundärbahnen nach Großhartmannsdorf und Langenau. Von der Weiterführung in das Lößnitztal nach Eppendorf sah man vorerst ab (ab 1893 wurde das Tal durch eine Schmalspurbahn von Hetzdorf aus erschlossen).
In den Erläuterungen zum Bau heißt es u.a.: »... daß es im Interesse der betheiligten Ortschaften als auch in demjenigen der fiscalischen Erzgruben liegt, an Stelle, der im Jahr 1881 in Aussicht genommenen Linie zunächst den Bau einer Eisenbahn von Berthelsdorf nach Brand und von hier aus einerseits nach Großhartmannsdorf, andererseits nach Langenau zur Ausführung zu bringen. ...«
Die Verordnungen zum Bau und Betrieb wurden am 28.12.1888 (Brand - Langenau) bzw. 21.02.1889 (Berthelsdorf - Großhartmannsdorf) erlassen.

Im Juli 1889 begannen die Arbeiten an den zwei Nebenbahnen. Durchschnittlich waren bis Ende des Jahres 761 Arbeiter tätig, der höchste Stand wurde im August mit 1007 Beschäftigten erreicht. Damit lässt sich auch die überaus kurze Bauzeit erklären.
Die Strecke nach Großhartmannsdorf kam mit wenigen Kunstbauten aus. Die größte zusammenhängende Steigung lag mit 1:60 auf 1440 m zwischen Berthelsdorf und Zug. Zwischen km 5,7 und dem Endbahnhof verlief das Gleis entlang des 1550 angelegten Kohlbach-Kunstgrabens. Bei Müdisdorf befand sich der Scheitelpunkt mit 511,61 m über NN.
Für den Abzweig nach Langenau, der seinen Ausgangspunkt in Brand hatte, war in Erbisdorf und Himmelsfürst der Bau von Talbrücken erforderlich, die man als Fachwerkkonstruktion auf Gerüstpfeilern ausführte.
Die Empfangsgebäude der Bahnhöfe entstanden im gleichen Stil als zweistöckiger Klinkerbau mit Güterboden. Lediglich im Abzweigbahnhof Berthelsdorf entschied man sich für ein individuell gestaltetes Gebäude, das den bestehenden Bau von 1875 ersetzte. Dieser diente künftig als Beamtenwohnhaus. [1],[9]

Betrieb

Am 13.07.1890 konnten die Zweigbahnen nach Großhartmannsdorf und Langenau feierlich eingeweiht werden. Im nun stärker befahrenen Abschnitt Freiberg - Berthelsdorf der NM-Linie richtete man eine "Rückmeldestation", die spätere Blockstelle Langenrinne ein.
Von Beginn an bestimmte der Güterverkehr den Betriebsalltag auf den Strecken. Reisende nach Langenau mussten in Brand umsteigen. Im Süden der Stadt Brand-Erbisdorf entstand ein kleines Industriegebiet, in dem die Korksteinwerke G.m.b.H. und die Mitteldeutschen Glashüttenwerke G.m.b.H. an die BGh-Linie angeschlossen wurden. Ab Mai 1935 produzierte die Möbelfabrik Krebs & Co. in den Räumlichkeiten des Glaswerks.
Der heutige Freiberger Ortsteil Zug erhielt im Jahr 1901 einen Haltepunkt. Die massive Wartehalle stammt wahrscheinlich aus den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts. Direkt am Haltepunkt überquerte die 1829 von Christian Friedrich Brendel als erste sächsische Eisenbahn angelegte 260 m lange Grubenbahnstrecke des Mendenschachtes bis 1919 die BGh-Linie. Um 1904 gestaltete man im Bahnhof Langenau das Empfangsgebäude zeitgemäß um. Es erhielt ein Obergeschoss mit einer zweiten Dienstwohnung und einen Wartehallenanbau. Die Fläche des Güterbodens wurde 1912 durch einen Anbau verdoppelt. Am 1. April des gleichen Jahres kam es zum Zusammenschluss der Stadt Brand und der Gemeinde Erbisdorf. Die neue Stationsbezeichnung Brand-Erbisdorf trat am 20. Juli in Kraft.
Am 01.04.1914 wurde Langenau dem Bahnhof Brand-Erbisdorf unterstellt, am 01.11.1915 gleichfalls der Bahnhof Großhartmannsdorf. Am 29.09.1923 entgleisten zwischen Müdisdorf und Großhartmannsdorf die Lokomotive und zwei Personenwagen des P 1257, wobei 7 Personen verletzt wurden. Zwischen dem 15.02.1924 und 15.08.1927 wurde der Hp Brand-Erbisdorf als Sparmaßnahme von der Reichsbahn nicht bedient. Noch 1939 kam es zur Erweiterung der Bahnhofsanlagen in Brand-Erbisdorf, wobei die angrenzende Dammstraße verlegt werden musste. Am 17.05.1943 wurde auf der Strecke nach Langenau der vereinfachte Nebenbahndienst eingeführt.

Nach dem Zweiten Weltkrieg hatte die Strecke Berthelsdorf - Großhartmannsdorf noch einige Erweiterungen zu verzeichnen. Zunächst wurde jedoch am 01.04.1946 die Bahnmeisterei Berthelsdorf (Erzgeb) aufgelöst. Den Geräteraum in der Himmelsfürster Wartehalle nutzte künftig die Bm Freiberg. Ab Oktober 1947 schloss die SDAG Wismut die stillgelegten Gruben um Brand-Erbisdorf wieder auf. Statt Uranerz fand man abbauwürdige Blei- und Zinkvorkommen, die bis 1969 im Freiberger Revier gefördert wurden. Am km 3,2 sollte 1954 ein Haltepunkt für die Beschäftigten des Glückauf-Schachtes angelegt werden. Die DR lehnte das Vorhaben damals ab, da sich bereits wieder der Niedergang des Bergbaus abzeichnete.
Zwischen 1951 und 1953 erschloss man das am 06.07.1911 gegründete Dampfhammerwerk Weinhold am Bahnhof Brand-Erbisdorf durch eine eigene Anschlussbahn und errichtete neue Werksgebäude. Anfangs bestanden 360 m Gleisanlagen. Nach einer Erweiterung im Jahr 1969, die mit dem Bau eines Lokschuppens für die neu beschaffte werkseigene Diesellok verbunden war, dehnten sich die Gleise auf über einen Kilometer Betriebslänge aus. Das Werk war der letzte verbliebene Güterkunde der Strecke.
Schon in den 60er Jahren musste die Geschwindigkeit auf den altersschwachen Brücken in Erbisdorf und Himmelsfürst auf 10 km/h herabgesetzt werden.
Anfang 1963 begann vor den Toren von Brand-Erbisdorf, auf dem Gelände des stillgelegten Max-Roscher-Schachtes, der Aufbau eines Reinstmetallwerkes. Dazu trassierte man bereits Ende der fünfziger Jahre, ausgehend vom Hp Zug, eine fast 2 km lange Anschlussbahn. Die B 101 wurde mit einer Stahlbetonbrücke überquert. Im September 1965 kam es jedoch zur Einstellung des Bauvorhabens. Das Gelände und die Rohbauten nutzte fortan das Berliner Glühlampenwerk, das ab September 1968 den Namen VEB NARVA führte. Das Werk spezialisierte sich vor allem auf die Entwicklung von Leuchtstoffröhren. 1984 ging ein öffentlicher Containerbahnhof in Betrieb. [1],[3],[5],[6],[7],[8]

Stilllegung

Das Aus für den Streckenast Brand-Erbisdorf - Großhartmannsdorf kam am 02.12.1973. An diesem Tag fuhren die letzten Personenzüge. Der Anschluss am km 5,0 wurde noch bis zum 28.09.1975 vom Bahnhof Brand-Erbisdorf aus bedient. Bis zum km 6,65 überließ man das eigentlich zum Abbau freigegebene Gleis der Natur, das Reststück bis Großhartmannsdorf wurde 1974 demontiert. Die Personenzüge verkehrten fortan in der Relation Berthelsdorf - Langenau. Die stählerne Brücke am km 0,9 über den Münzbach wurde 1976 in einen Betondurchlass umgebaut.
Die 100-Jahr-Feier der Strecke Berthelsdorf - Langenau war der letzte große Höhepunkt in der Geschichte der Nebenbahn. Zwischen dem 14. und 20.07.1990 verkehrten dampflokbespannte Sonderzüge auf der Strecke. In Brand-Erbisdorf und Langenau konnten ausgestellte Lokomotiven besichtigt werden; die 89 6009 lud zu Mitfahrten ein.

Der Rückgang der Beförderungsleistungen Anfang der 90er Jahre machte auch vor dieser Strecke nicht halt: Am 01.06.1997 wurde der Personenverkehr zwischen Berthelsdorf und Langenau vorerst eingestellt. Die NARVA-Anschlussbahn wurde in den neunziger Jahren komplett abgebaut.
In den Augusttagen des Jahres 1997 lag im Bahnhof Freiberg ein unscheinbares Informationsblatt aus, das die "Wiederaufnahme des Zugverkehres auf der RegionalBahn-Linie 84 Freiberg (Sachs) - Brand-Erbisdorf" zum Schuljahresbeginn am 28. August vermeldete. Grund der ungewöhnlichen Aktion war eine fehlende Entscheidung des Landes Sachsen zur Bestellung bzw. Abbestellung des Reiseverkehrs auf der Strecke. Für kurze Zeit kehrten noch einmal Personenzüge auf die Strecke zurück. Der 23.05.1998 brachte dann den endgültigen Abschied. Drei Monate später erlosch offiziell auch der seit dem 20.12.1994 ruhende Güterverkehr nach Langenau, so dass die "lästigen" Bahnübergänge zugeteert werden konnten.
Im Bahnhof Langenau hat seit dem 17.12.1996 ein Eisenbahnverein seinen Sitz, der neben dem denkmalgeschützten Empfangsgebäude auch die Geschichte der Eisenbahnstrecken nach Großhartmannsdorf und Langenau bewahren hilft. [1],[2],[6]

Mediathek
Quellen

[1] Berger: "100 Jahre Berthelsdorf-Langenau und Freiberg-Halsbrücke" in "Modelleisenbahner", Heft 7/1990
[2] Fiegenbaum, Klee: "Abschied von der Schiene 1998-1999", transpress-Verlag, Stuttgart 2000
[3] Schlegel: "Eisenbahnunfälle in Sachsen", Ritzau KG, Pürgen 2002
[4] "Eisenbahn-Journal Archiv (Sachsenreport)", Band 5
[5] Hussel: "Die Bergstadt Brand-Erbisdorf", Brand-Erbisdorf 1995
[6] Preuß: "Berthelsdorf - Großhartmannsdorf/Langenau ..." in "Neben- und Schmalspurbahnen in Deutschland", GeraNova-Verlag
[7] Siegel: "Wir Schmiedewerker", Brand-Erbisdorf 1979
[8] Wagner: "Neuregelung der Verkehrsbedienung im Reiseverkehr Strecke Brand-Erbisdorf - Langenau (Sachs)", Ingenieurarbeit 1968
[9] Informationen von H. Vogler