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Eisenbahnen in Sachsen


Industriebahn Mügeln - Heidenau
Elbgeländebahn
Vorgeschichte

Die 1892 in Heidenau gegründete Papierfabrik Krause & Baumann war spezialisiert auf die Produktion hochwertiger Papiere, z.B. für die Kalenderherstellung. Das Werk lag günstig zwischen der Eisenbahnstrecke Bodenbach - Dresden (BD-Linie) und der Elbe, konnte aber bahnseitig nur über eine komplizierte Anschlussgleisführung bedient werden. Dazu existierte im noch zweigleisigen Bahndamm der Hauptbahn am km 49,008 BD eine Gleisunterführung, die über eine Wagendrehscheibe erreicht wurde.
Bis zum Ersten Weltkrieg wurde die Papierfabrik mehrfach erweitert. Der geplante Ausbau der BD-Linie auf vier Gleise und die Neuerrichtung eines fünften Industriestammgleises hätten die bisherige Anschlussbedienung unmöglich gemacht. So entschied man sich, zusätzlich eine regelspurige Industriebahn zwischen Mügeln und Sporbitz vom 1910 fertiggestellten Industriestammgleis abzweigen zu lassen. Die Industriebahn sollte unter Umgehung der Ortslage Mügeln zur Elbe führen, die dort befindlichen Unternehmen anschließen und eventuell in Pirna wieder in die BD-Linie einbinden. In Höhe der Papierfabrik war die Anlage eines kleinen Hafenbeckens mit Gleisanschluss vorgesehen. Außerdem bestanden in der Gemeinde Mügeln ein 1900 errichtetes Ferngaswerk der "Thüringer Gasgesellschaft" sowie eine 1912 gegründete Gießerei der Maschinenfabrik "Seidel & Naumann", die ebenfalls von einem Gleisanschluss profitieren würden.
In einem Vertrag vom 13.09.1915 schlossen sich die Interessenten der Industriebahn zu einer GbR zusammen, mit dem Ziel »die Anlegung und den Betrieb der von den Ständen genehmigten Industriebahn Mügeln - Heidenau zu fördern und sicher zu stellen.« Beteiligt waren:
     - die Krause & Baumann A.G., Dresden
     - die Seidel & Naumann A.G., Dresden
     - die Thüringer Gasgesellschaft m.b.H., Leipzig
     - die Gemeinden Mügeln und Heidenau
     - die Fa. Gebr. Uebrig, Dresden
     - der Besitzer der "Roten Mühle" Heinrich Hugo Hennig aus Mügeln
     - der Rentier Paul Süß aus Fischen/Allgäu
Zur möglichen Weiterführung der Strecke bis Pirna hatte die Papierfabrik die entsprechenden Grundstücke lastenfrei zu halten und jederzeit für den Bahnbau bereitzustellen.
Der Erste Weltkrieg unterbrach sowohl den Ausbau der BD-Linie, als auch das Projekt der Industriebahn. Nach Kriegsende versuchte man, zumindest diese in Angriff zu nehmen, wobei sich vor allem finanzielle Schwierigkeiten auftaten:
»Die Kosten für die Herstellung einer Industriebahn von Stat. 524+50 BD bis 35+0 der Industriegleisstat. sind abzügl. des Beitrages der Gleisgenossen (30 % der gesamten reinen Baukosten) auf 220 000 M veranschlagt und aus den bei Tit. 10 des a.o. Etats 1912/13 sich ergebenden Ersparnissen bewilligt worden.
Nach den neuesten Ermittlungen betragen die reinen Baukosten 1 435 000 M, von denen die Gleisgenossen 435 000 M zu tragen haben. Der auf den Staat entfallende Anteil beträgt also rd. 1 000 000 M.
Es tritt also eine Überschreitung um 780 000 M ein, von der 200 000 M bereits für das Jahr 1918/19 gebraucht werden, die restlichen 580 000 M sind im Haushaltsplan 1920 eingestellt worden.
« [1][2][5][6]

Bau

Die Erd- und Oberbauarbeiten wurden 1919 ausgeschrieben. Am 28. August des Jahres begann das Sebnitzer Unternehmen Bruno Kost mit den Arbeiten an der Industriebahn. Gegenüber dem Projekt verzichtete man auf zwei Straßenbrücken am km 2,60 und 2,85. Der benötigte Kies wurde vor Ort gewonnen. Neben einigen Wegen mußte auch der Mühlgraben infolge des Bahnbaus verlegt werden. Die Trassierung gestaltete sich unkompliziert, lediglich die Müglitz war mit einer größeren Brücke zu überqueren. Zwei Brücken im Gelände der Papierfabrik dienten dem werksinternen Verkehr. Beide Bauwerke befinden sich heute direkt am Elberadweg, sind allerdings zugemauert. Durch eine Brücke führten noch im Sommer 2000 Reste des Kohlenfördergleises zum Fluss. Hochbauten wurden nicht errichtet, da die Strecke ausschließlich dem privaten Güterverkehr dienen sollte.
Zwischen dem 14. und 20.01.1920 überflutete ein Elbehochwasser die Baustelle. Für Mitte November 1920 war die Freigabe der Strecke für Arbeitszüge geplant. Die Inbetriebnahme der "Elbgeländebahn" erfolgte in drei Teilabschnitten:
     Abschnitt         Abnahme    Eröffnung
     --------------------------------------
     bis km 2,40    07.01.1921   10.01.1921
     bis km 3,14    28.01.1921   01.02.1921
     bis km 3,50       03.1921   14.03.1921
Die 1912/13 veranschlagten Baukosten wurden letztlich um 3,09 Mio. Mark überschritten. Ende 1921 stellte man als Unterkunftsraum für Streckenarbeiter einen Wagenkasten auf.
Die fehlende Anbindung der "Elbgeländebahn" an den Bahnhof Pirna sollte Mitte der zwanziger Jahre realisiert werden. In Pirna waren die Voraussetzungen für die Einbindung der Strecke bereits geschaffen worden. Am km 4,41 hätte die Industriebahn die Dresdner Straße gekreuzt und wäre in Höhe der Cellulosefabrik Hoesch & Co. auf die fertiggestellte Abstellanlage getroffen. Für das zu bauende Teilstück von knapp 1,5 km Länge (beginnend am Strecken-km 3,5) veranschlagte man 1923 immerhin 196,3 Milliarden Mark. Im November 1926 wurde die Fa. Gerstenberger & Döhler mit dem Bau beauftragt, danach verliert sich die Spur in den Akten. Probleme bereitete vermutlich der Grundstückskauf auf dem Gelände der Papierfabrik - realisiert wurde die Gleisverbindung nicht. [1][2]

Betrieb

Bis zum Werkstor der Papierfabrik galt das Gleis als Reichsbahnstrecke und führte das Kürzel BDE; öffentliche Ladestellen existierten nicht. Der nahe gelegene Bahnhof Heidenau konnte nur über eine Spitzkehre und das Industriestammgleis erreicht werden.
Die ab 1938 zur Berliner "Feldmühle A.G." gehörende Papierfabrik wurde wie fast alle sächsischen Großunternehmen 1945 ein Opfer der Demontage. Beginnend am 7. August des Jahres wurden Anlagen im Zeitwert von 10,604 Mio. Reichsmark als Reparationsleistung abgebaut. Die Demontage war erst im Folgejahr beendet. Die Industriebahn war davon nicht betroffen, allerdings wurden die angeschlossenen Betriebe in Volkseigentum überführt.
Einziger Nutzer der BDE-Linie war zuletzt ein Werk der Sachsen-Malz GmbH. Das Unternehmen in Elbnähe, das eine eigene Werklok vorhielt, sorgte für die gelegentliche Befahrung der Gesamtstrecke.
Am 30.05./01.06.1997 gab es öffentliche Fahrten auf der Industriebahn. Bei etwas unpassendem Wetter quälte sich ein VT 772 im Stundentakt über zugewachsene Gleise bis zur Elbstraße, wo ein provisorischer Haltepunkt eingerichtet war. Verwunderte Autofahrer an der Dresdner Straße mussten per Warnflagge von der Vorfahrt des Schienenfahrzeugs überzeugt werden. Angeblich wagte man sogar einen Abstecher zur Müglitzbrücke. Im März 1996 fuhr ein VT bis zum Werkstor.
Nach der Verfüllung des Unterführungsbauwerks an der BD-Linie im Jahr 1999 war der Güterteil des Bahnhofs Heidenau nicht mehr kreuzungsfrei erreichbar.
Am 05.11.2000 wurde die Güterabfertigungsstelle Heidenau-Elbgeländebahn offiziell geschlossen. Der Rückbau der Strecke ab der Anst km 3,5 begann im März 2007. [1][3][7]

Mediathek
Quellen

[1] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand 11228 Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Signatur 19854
[2] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Akten der Krause & Baumann AG Heidenau (105)
[3] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Akten der Chromo- und Kunstdruckpapierfabrik Heidenau (8)
[4] Sächsisches Staatsarchiv - Hauptstaatsarchiv Dresden: Bestand Deutsche Reichsbahn, Rbd Dresden, Abgabe 1994-96, Signatur 1201
[5] "25 Jahre Gasversorgung Ostsachsen AG", Heidenau 1947
[6] "Glück-Auf! zum ersten Guss", VEB Druckguß, Heidenau 1989
[7] Informationen von T. Michalsky
[8] Raddatz: "Eisenbahn in der Sächsischen Schweiz, Band 1", Verlag B. Neddermeyer, Berlin 2010